„Im Jahr 1829 geriet der Schoner Mermaid vor der Ostküste Australiens in einen Sturm und wurde auf ein Riff geworfen. Bevor er versank, konnten die Menschen an Bord sich auf eine Sandbank retten. Dort wurden sie einige Tage später von dem Dreimaster Swiftsure aufgelesen. Doch die vermeintliche Rettung erwies sich als trügerisch: Die Swiftsure lief wenig später ebenfalls auf ein Riff und sank. Alle Menschen an Bord wurden von einem weiteren Segler, der Governor Ready, gerettet. Nur wenige Stunden später brach an Bord der Ready ein Feuer aus, und die Menschen an Bord mussten in die Rettungsboote umsteigen. Diese wurden kurz darauf von der Comet gesichtet und eingesammelt. Doch die Comet ging in einem Orkan unter; wieder mussten sich die Passagiere und Besatzungsmitglieder in die Boote und auf Flöße retten. Wenig später wurden sie von dem Segler Jupiter an Bord genommen, der – man ahnt es schon – ebenfalls auf ein Riff lief und sank. Abermals wurden alle Menschen an Bord gerettet, diesmal von einem Dampfschiff namens City of Leeds, und dem gelang es endlich, die Überlebenden ans sichere Festland zu bringen – fünf Schiffsuntergänge in Folge, und nicht ein einziges Menschenleben war verloren worden!“
So wird die Geschichte der Mermaid erzählt, und selbst in vielen ernstgemeinten Artikeln, z.B. über die Entdeckung ihres Wracks im Jahre 2009, ist der fünffache Schiffbruch als Fakt vermerkt. Aber stimmt das auch? Überlebten Besatzung und Passagiere der Mermaid fünf Schiffbrüche nacheinander?
Die Zeitlinie geht nicht auf
Forscht man nach Schiffsunglücken des Jahres 1829, stößt man tatsächlich auf viele Schiffsnamen, die in dieser Erzählung eine Rolle spielen. Dass die Mermaid, die Swiftsure, die Comet und die Governor Ready tatsächlich alle im Jahre 1829 in australischen Gewässern untergingen, ist zweifelsfrei belegt.
Aber bedeutet das auch, dass die fantastische Geschichte von den immer wieder untergehenden Menschen von der Mermaid wahr ist? Eher nicht. Denn die Reihenfolge der Ereignisse geht nicht auf.
Die wahre Geschichte beginnt am 6. Mai 1829. An diesem Tag läuft die Comet in der Torres-Straße zwischen Nordaustralien und Neuguinea auf ein Riff und geht unter. Die Crew kann sich in die Boote retten und segelt in Richtung der Murray-Insel, wo sie von der Fairfield aufgenommen wird.
Die klassische Erzählung bricht also schon an dieser Stelle auseinander – die Comet hätte erst das vierte verunglückte Schiff sein sollen, mit den Überlebenden der Mermaid, der Swiftsure und der Governor Ready an Bord. Und die Seeleute hätten von der Jupiter gerettet werden sollen, nicht von der Fairfield.
Aber sehen wir uns den Ablauf weiter an. Jetzt kommt nämlich tatsächlich die Jupiter ins Spiel – in der Legende das fünfte Schiff, das untergeht, in Wahrheit das einzige der genannten Schiffe, das das Jahr 1829 übersteht. Die Fairfield trifft am 14. Mai auf die Jupiter; man tauscht kurz Informationen aus und erfährt, dass die Jupiter kurz zuvor auf ein Riff gelaufen ist, aber seetüchtig blieb und nun auf dem Weg nach Kalkutta ist, um Reparaturen durchführen zu lassen. Damit endet die Beteiligung der Comet, der Fairfield und der Jupiter an der ganzen Geschichte. Erstere ist gesunken, aber die gesamte Crew gerettet, die anderen beiden erreichen ohne weitere Zwischenfälle ihre Zielhäfen.
Am 18. Mai 1829 ist dann die Governor Ready an der Reihe. Auch sie läuft in der Torres-Straße auf ein Riff und geht unter. Die Besatzung begibt sich in die Boote; am 2. Juni werden diese bei der Insel Timor von einem Schiff namens Amity aufgelesen, das unterwegs nach Raffles Bay im Nordosten Australiens ist – um sich dort mit der Mermaid zu treffen, die damit ihren ersten kleinen Auftritt in dieser Geschichte hat.
Am 13. Juni 1829 ist es endlich so weit: Die Mermaid läuft im Seegebiet um das Great Barrier Reef auf ein Riff und geht unter. Die gesamte Crew kann sich retten. Wir halten fest: Zu diesem Zeitpunkt sind zwei der vermeintlichen Rettungsschiffe, die Comet und die Governor Ready, schon längst selbst gesunken. Ein weiteres, die Jupiter, hat die australischen Gewässer bereits vor einem Monat verlassen. Wer nimmt nun aber die Crew der Mermaid auf? Es ist – die Swiftsure.
Und damit kommen wir zum wahren Kern der Legende. Der Erzählung nach ist die Swiftsure das erste Schiff, das die Seeleute von der Mermaid aufnimmt und geht wenig später selbst unter.
Und dieser Teil der Geschichte stimmt tatsächlich: Am 4. Juli 1829 geht die Swiftsure in der Torres-Straße unter – mit den Überlebenden der Mermaid an Bord. Und erneut sind keine Verluste an Menschenleben zu beklagen. Die Besatzungen beider Schiffe werden von der Resource gerettet und ohne weitere Zwischenfälle nach Raffles Bay gebracht – wo die Amity immer noch vergeblich auf die Ankunft der Mermaid wartet, wie man dem Reisebericht des Schiffsarztes der Governor Ready (siehe Quellenverzeichnis) entnehmen kann.
Tatsächlich hat die Crew der Mermaid also nicht fünf, sondern „nur“ zwei Schiffsunglücke überstanden.
Legendenbildung
Wie aber kommt es nun zu dem Mythos von den fünf Unglücken in Folge? Nun, schon die bescheidenere Wahrheit – dass die Crew der Mermaid zwei Schiffsunglücke auf einer Reise überstand – war sicherlich eine gute Geschichte, die sich schnell verbreitete. Und wie das mit Anekdoten von der See so ist: Mit jedem Mal, dass sie erzählt werden, werden sie spektakulärer…
Es gibt aber auch einen möglichen banalen Grund dafür, dass die nicht zusammenhängenden Unglücke in einen Topf geworfen wurden: In den ersten Zeitungsberichten, etwa in The Australian vom 25.11.1829 oder in der Colonial Times vom 30.10.1829, werden alle Schiffsunglücke, die sich zu dieser Zeit in den australischen Gewässern zugetragen haben, aufgezählt; alle Schiffsnamen, die es in die Legende geschafft haben, sind hier zu finden – mit Ausnahme des angeblichen finalen Rettungsschiffes, der City of Leeds. Möglicherweise haben sich die einzelnen Fälle in der Erinnerung der Zeitungsleser ganz einfach vermischt. Wie die City of Leeds Teil der Erzählung wurde, bleibt allerdings ein Rätsel – ich konnte nicht einmal einen Hinweis auf die Existenz eines Schiffes dieses Namens zur passenden Zeit finden…
Übersinnlicher Epilog
Zu bemerken wäre jetzt nur noch eins: In dem Buch, in dem ich die Legende von den fünf Schiffbrüchen das erste Mal las (als Fakt, versteht sich), „Das Jahrhundert der Mysterien und Wunder“ von Hartwig Hausdorf, gibt es noch ein übernatürliches Nachspiel zu der ganzen Geschichte, die den vermeintlichen Vorkommnissen den Anstrich eines höheren Sinns verleihen soll…
Laut Hausdorf habe sich an Bord der City of Leeds eine kranke alte Dame befunden. Diese habe im Delirium nach ihrem Sohn verlangt, der vor Jahren in Australien verschollen war. Um der Dame ihre vermeintlichen letzten Stunden zu erleichtern, suchte der Schiffsarzt nach jemandem, der sich als der verschollene Sohn ausgeben konnte. Er fand auch tatsächlich einen jungen Mann, der der Beschreibung des Sohnes nahekam und sich bereit erklärte mitzuspielen – ein Crewmitglied der Mermaid. Als der Arzt ihm jedoch den Namen der alten Frau nannte, erbleichte der Mann – er war tatsächlich der verlorene Sohn, die alte Frau seine wirkliche Mutter! Mit ihrem Sohn endlich wiedervereint erholte sich die Dame schnell. Hatte eine höhere Macht eingegriffen, um Mutter und Sohn über viele Umwege wieder zusammenzubringen?
Woher dieser Teil der Geschichte stammt, konnte ich nicht herausfinden. Hausdorf gibt keine Quelle an, und keine andere Version, die ich finden konnte, enthält diese Story. Da die fünf Schiffsunglücke in Wirklichkeit nicht zusammenhingen und die City of Leeds nichts mit all dem zu tun hat, dürfte sie jedoch frei erfunden sein.
FAZIT: Es scheint gesichert, dass die Seeleute der Mermaid zwei Schiffbrüche in Folge überlebten – den der Mermaid selbst und den der Swiftsure. Alles, was darüber hinausgeht, passt aber nicht so recht zusammen und dürfte komplett erfunden sein oder auf einer Fehldeutung des ältesten Zeitungsberichts beruhen. Seemannsgarn – aber zwei Schiffbrüche ohne Opfer zu überstehen ist doch auch schon eine gute Geschichte, oder?
Quellen: Hausdorf, Hartwig: Das Jahrhundert der Mysterien und Wunder. Knaur 2011; Wilson, Thomas Braidwood: Narrative of a Journey around the World. Sherwood, Gilbert & Piper 1835; https://the-family-mess.com/2021/07/07/the-tale-of-captain-samuel/; https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_shipwrecks_in_1829
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