Mittwoch, 28. Juni 2023

Titanic-Mythen 2: War die Titanic verflucht?

 In den letzten Wochen hat es die Titanic wieder vermehrt in die Medien geschafft – jener legendäre Luxusliner, der 1912 im Nordatlantik mit einem Eisberg kollidierte und versank, obwohl er für praktisch unsinkbar gehalten worden war. Zunächst wegen dem 111. Jahrestag des Unglücks, dann wegen der neuen, hochauflösenden Fotos vom Wrack und schließlich wegen des verunglückten Tauchboots auf dem Weg zum Wrack. Und wird die Titanic erwähnt, dann werden unzählige Mythen und Legenden über jene schicksalhafte Nacht wieder hervorgekramt. Was ist wahr und was ist falsch? Dem widmet Mythen der Meere sich in einer dreiteiligen Miniserie.

„Dass die Titanic sinken würde, war doch zu erwarten: Sie war verflucht! Ihre Registrierungsnummer ergab, auf dem Kopf gelesen, die Worte ‚Kein Papst‘ -  das sagt doch schon alles! Und sie hatte eine verfluchte Mumie an Bord, die all ihre Besitzer ins Unglück stürzte! Nein, nein… Dieses Schiff hätte niemals in See stechen dürfen.“

Es liegt in der Natur des Menschen, für bemerkenswerte Ereignisse den einen, wahren Grund zu suchen. Bei Unglücken wie dem Untergang der Titanic landen viele Leute da schnell bei den Verschwörungstheorien – das Schiff wurde absichtlich versenkt! Das haben wir in diesem Blog allerdings bereits widerlegt. Was bleibt dann noch?

Ein Fluch! Irgendein Fehlverhalten, ein Tabubruch etc. beschwor das Unglück herauf! Es kursieren unzählige Varianten der Geschichte, die Eigner der Titanic hätten einen Fluch provoziert – sei es durch die vollmundigen Ankündigungen, das Schiff sei unsinkbar oder gar durch eine gotteslästerliche Registrierungsnummer. Alternativ könnte auch eine Einzelperson das Schiff verflucht haben – etwa ein beim Bau verunglückter Arbeiter. Oder ein Unglücksbringer befand sich an Bord, ein verfluchtes Objekt.

Solche anekdotenhaften Geschichten sind meist schwer zu überprüfen, aber gerade für zwei der berühmtesten gilt das nicht – und darum wollen wir sie uns hier einmal genauer ansehen.

  1. Die Registrierungsnummer der Titanic konnte als „Kein Papst“ gelesen werden

Die Werftarbeiter im nordirischen Belfast, wo die Titanic auf der Werft von Harland & Wolff konstruiert wurde, sollen entsetzt gewesen sein: Als die ersten Teile mit eingestanzter Registrierungsnummer bei ihnen eintrafen, konnten sie ganz klar lesen „NO POPE“ – Kein Papst! Denn die Nummer lautete 3909 04, was gespiegelt diese lästerliche Botschaft ergab. Manche Arbeiter kündigten daraufhin, ja es gab fast einen Aufstand an der Werft. Und allen Beteiligten war klar: Dieses Schiff hatte kein glückliches Schicksal zu erwarten.

Diese Erzählung ist weit verbreitet und schafft es bisweilen sogar in Sachbücher zum Thema – meist nicht, um einen Fluch zu begründen, sondern als Kuriosum am Rande.

Dabei ist sie mit minimaler Recherche leicht zu widerlegen. Viele Autoren weisen darauf hin, dass die Botschaft „Kein Papst“ bei den Arbeitern von Harland & Wolff gar nicht für Aufruhr gesorgt hätte – wie die meisten Nordiren waren auch fast alle Arbeiter der Werft Protestanten und hatten mit dem Papst nicht viel am Hut.

Aber noch wichtiger: Die Titanic trug keine Registrierungsnummer, und schon gar nicht die 3909 04. Zwei Nummern stehen mit der Titanic in Verbindung. Die eine war ihre Kennnummer beim Board of Trade, der Handelskammer. Diese lautete 131,428 und tauchte nur in den Unterlagen der Handelskammer auf. Die andere war die von der Werft zugeteilte Hüllennummer, die tatsächlich in zahlreiche Bauteile gestanzt war. Sie lautete 401.

Der Fluch der lästerlichen Registrierungsnummer ist also frei erfunden.   

 

  1. An Bord der Titanic befand sich eine verfluchte Mumie

Die sogenannte Mumie von Amen-Ra (tatsächlich keine Mumie, sondern ein kunstvoller Sarkophag-Deckel) hatte schon immer für Ärger gesorgt. Vier britische Akademiker hatten sie 1868 in Ägypten aufgelesen und nach England geschafft. Zwei von ihnen starben noch auf der Reise, ein dritter verlor nach einem Missgeschick mit einer Schusswaffe seinen Arm. Und der vierte im Bunde, nun alleiniger Besitzer der Mumie, ging pleite – zweimal! Ein Geschäftsmann kaufte ihm die „Mumie“ ab. Wenig später wurden seine Frau und seine beiden Kinder bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt und sein Haus brannte nieder. Daraufhin stiftete er die offenbar verfluchte Mumie dem Britischen Museum. Der Wagen, der das Objekt zum Museum brachte, verursachte auf dem Weg einen Unfall, bei dem ein Passant schwer verletzt wurde. Einer der beiden Arbeiter, die die Mumie ins Museum trugen, brach sich dabei das Bein, der andere starb zwei Tage später aus heiterem Himmel. In den nächsten Wochen häuften sich gruselige Vorfälle im Museum. Ein Nachtwächter starb aus ungeklärten Gründen bei der Arbeit. Schreie, Schluchzen und Klopfen waren aus der Vitrine mit der „Mumie“ zu hören. Ein Besucher, der sich über die Mumie lustig machte, verlor einige Tage später seinen kleinen Sohn an die Masern. Schließlich entschied man sich im Museum, das unheimliche Objekt aus dem Publikumsverkehr zu ziehen. Amen-Ras Mumie wurde in den Keller verlegt. Eine Woche später starb der zuständige Kurator unerwartet. Mittlerweile machte die Fluchgeschichte die Runde, und ein Journalist machte ein Foto von der Mumie. Er soll nach der Entwicklung darauf ein schreckliches Gesicht gesehen und sich daraufhin selbst erschossen haben. Das Museum verkaufte die Mumie an einen Sammler, der danach mit zahlreichen Unglücksschlägen und Todesfällen in der Familie zu kämpfen hatte. Er versuchte, die Mumie wieder loszuwerden, aber kein britisches Museum wollte sie. Schließlich kaufte ein amerikanischer Archäologe das verfluchte Objekt und wollte es mit sich in die USA nehmen. Er reiste mit dem sichersten Schiff seiner Zeit – der Titanic…

Auch diese Geschichte ist weit verbreitet. Aber klingt sie auch wahr? Eher nicht, oder?

Und auch hier hilft ein kleines bisschen Recherche: In der Frachtliste der Titanic, die noch heute eingesehen werden kann, findet sich keine Mumie (und auch kein Sarkophag-Deckel). Und der Sarkophag-Deckel, der als Amen-Ra oder „Die Unglücksmumie“ bekannt ist, befindet sich im Britischen Museum, wo er schon vor der unglücklichen Jungfernfahrt der Titanic aufbewahrt war. Übrigens nicht im Keller versteckt – wer die „Mumie von Amen-Ra“ sehen will, hat dazu jede Gelegenheit. Die „Mumie“ befand sich also nicht an Bord der Titanic, ging nicht mit dieser unter und hat den Untergang mit Sicherheit nicht verursacht.

Interessant ist aber, wie diese Geschichte zustande kommt. Es gibt nämlich doch einen Zusammenhang zwischen dem realen Sarkophag-Deckel im Britischen Museum, dem Fluch der Mumie und der Titanic: Ein damals sehr bekannter Journalist namens William T. Stead hatte um 1900 herum eine kleine Schauergeschichte über einen Mumien-Fluch geschrieben, die viele Elemente der heutigen Version enthält. Als Co-Autor wurde ein gewisser Douglas Murray genannt, über den heute fast nichts bekannt ist – in manchen Nacherzählungen der Legende ist er der Mann, der nach dem Kauf der Mumie seinen Arm verliert. Wenig später sah Stead im British Museum den Sarkophag-Deckel und erzählte, davon inspiriert, eine weitere Schauergeschichte – der gequälte Gesichtsausdruck der Figur auf dem Deckel beweise einen qualvollen Tod der ursprünglich im Sarkophag bestatteten Person, und der rachsüchtige Geist dieser Person sei nun frei. Die damaligen Sensationszeitungen sprachen nur zu gern mit Stead und fassten beide Geschichten zusammen – oft zumindest mit der Implikation, es handele sich um Tatsachen. Und wie kommt nun die Titanic ins Spiel? Nun, Stead wurde 1912 zu einer Konferenz in Amerika eingeladen. Er buchte eine Überfahrt – auf der Titanic! Überlebende berichteten später, Stead habe seine Mumiengeschichte auf eine Dinnerparty an Bord erzählt… und so vermischten sich die verschiedenen Elemente zum modernen Mythos von der verfluchten Mumie an Bord der Titanic. Stead konnte das nicht mehr richtigstellen – er überlebte das Unglück nicht.

In modernen Zeiten geht die Vermischung von Geschichten übrigens munter weiter: Nun liest man bisweilen, ein verfluchter Diamant hätte das Unglück ausgelöst – hier haben sich eine weitere berühmte Fluchgeschichte, die vom Hope-Diamanten, und der prominente Auftritt eines fiktiven Diamanten in James Camerons Film Titanic von 1998 in den Mythos von der verfluchten Mumie eingeschlichen.

 

FAZIT: Die Titanic war nicht verflucht – es gibt keine Flüche. Ihre Registrierungsnummer lautete nicht 3909 04, und es befand sich keine Mumie an Bord. Das sind nichts anderes als Schauergeschichten!

Quellen: Ocker, J.W.: Cursed Objects. Quirk Books 2020; Grimmler, Benedikt: Die 50 populärsten Titanic-Irrtümer. Bucher 2011; https://www.titanicswitch.com/titanicfacts.html; https://www.snopes.com/fact-check/pope-and-circumstance/; https://www.snopes.com/fact-check/mummy-titantic/; www.britishmuseum.org  

Sonntag, 25. Juni 2023

Titanic-Mythen 1: War der Untergang geplant?

In den letzten Wochen hat es die Titanic wieder vermehrt in die Medien geschafft – jener legendäre Luxusliner, der 1912 im Nordatlantik mit einem Eisberg kollidierte und versank, obwohl er für praktisch unsinkbar gehalten worden war. Zunächst wegen dem 111. Jahrestag des Unglücks, dann wegen der neuen, hochauflösenden Fotos vom Wrack und schließlich wegen des verunglückten Tauchboots auf dem Weg zum Wrack. Und wird die Titanic erwähnt, dann werden unzählige Mythen und Legenden über jene schicksalhafte Nacht wieder hervorgekramt. Was ist wahr und was ist falsch? Dem widmet Mythen der Meere sich in einer dreiteiligen Miniserie.

  „Du glaubst doch nicht wirklich, dass die offizielle Geschichte über den Untergang der Titanic die Wahrheit ist? Mein Kumpel Pit weiß das besser. Er hat selbst recherchiert und bewiesen, dass eine große Verschwörung dahintersteckt: Die Titanic wurde absichtlich versenkt, um die Versicherung zu betrügen. Oder um Gegner der Federal Reserve Bank zu versenken. Wirklich! Ganz echt!!!1!“

Zwei Verschwörungsmythen haben sich in den letzten Jahrzehnten um den Untergang der Titanic gebildet; manchmal werden sie kombiniert, manchmal treten sie getrennt auf. Gemeinsam haben sie auf jeden Fall: Der Untergang der Titanic war kein Unfall. Ein böser Plan steckte dahinter, sie wurde gezielt versenkt! Ist da vielleicht was dran?

Verschwörungsmythos 1: Es war ein Versicherungsbetrug, versenkt wurde das beschädigte Schwesterschiff

Noch während die Titanic im Bau war, kollidierte ihr älteres Schwesterschiff Olympic mit einem anderen Schiff, dem Navy-Schiff Hawke, und wurde schwer beschädigt. Eine Verschwörungstheorie besagt nun, die Olympic sei als Totalschaden abzuschreiben gewesen. Um den Verlust zu mindern, hätten die Eigner in einer Nacht- und Nebelaktion die Olympic und die Titanic ausgetauscht. Da die Schiffe baugleich waren, mussten im Prinzip nur ein paar Objekte mit den Namen hin- und hergetragen werden: Die Rettungsboote und -ringe, die beiden Namensplatten von Bug und Heck…

Anschließend wurde die Olympic, als Titanic getarnt, absichtlich versenkt und ihr Verlust bei der Versicherung als Verlust der nagelneuen Titanic deklariert. So waren die Eigner ihr kaputtes Schiff los, hatten ein neues Schiff im Einsatz und auch noch die Versicherungssumme für ein neues Schiff kassiert. Kann das wirklich so passiert sein?

Alle vermeintlichen Argumente für diese im Internet sehr beliebte These abzuhandeln, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen – ich verweise dafür auf die exzellente Website www.titanicswitch.com. Hier wollen wir uns auf die drei Fakten beschränken, die den Mythos von vornherein versenken:

  1. Der Versicherungsbetrug macht finanziell keinen Sinn

Es ist ein einziger Satz, der den Verschwörungsmythos ohne jedes wenn und aber von vornherein klar zum Einsturz bringt: Die Titanic war unterversichert, und das auch noch über ihre Reederei selbst. Der Wertverlust durch den Untergang belief sich auf damalige 2,5 Millionen Dollar, nach heutigem Geldwert etwa 70 Millionen Dollar. Aber dieses Geld ist nicht alles, was die Reederei durch den Untergang der Titanic verloren hat. Es entstanden ja auch noch Kosten durch Passagiere, die entschädigt werden mussten, durch die Änderungen im Fahrplan der Reederei (da die Titanic ja nicht den planmäßigen Verkehr aufnehmen konnte) und vor allem Verluste durch den Rufschaden – der Untergang des neusten, größten und vermeintlich sichersten Schiffes der Reederei auf seiner Jungfernfahrt war ein Marketing-Desaster.

Dazu kämen, wenn die Verschwörungstheorie stimmen würde, ja auch noch die Kosten für den Austausch der beiden Schiffe (der keinesfalls schnell und einfach hätte vonstattengehen können – siehe den nächsten Punkt) sowie vermutlich für diverse Schweigegelder, allein an all die Arbeiter, die am Austausch hätten beteiligt sein müssen.

Wie teuer war eigentlich der Schaden an der Olympic? Unabhängige Experten schätzten ihn damals auf etwa 125.000 Dollar ein… Ein Versicherungsbetrug lohnte sich finanziell schlicht und ergreifend nicht.

  1. Der Austausch war logistisch nicht möglich

Letztlich basiert der Verschwörungsmythos auf einem Kernirrtum: Die beiden Schiffe wären identisch gewesen, für einen Austausch hätten nur minimale kosmetische Details geändert werden müssen. Aber das ist nicht korrekt. Die Titanic war eine upgedatete Version der Olympic mit zahlreichen großen und kleinen Modifikationen, teilweise konkret erdacht, um Makel an der Olympic bei der Titanic zu vermeiden.

www.titanicswitch.com listet 30 Schlüsselunterschiede auf, wobei viele kleinere Unterschiede noch unberücksichtigt bleiben. Einige von diesen Unterschieden waren so offensichtlich, dass ein Laie sie mit bloßem Auge erkennen kann (weshalb Fotos der beiden Schiffe auch gut auseinandergehalten werden können) – bekanntestes Beispiel ist die A-Deck-Promenade, die auf der Olympic offen, auf der Titanic jedoch geschlossen, also mit einer Außenwand mit Fenstern versehen, war. Andere Beispiele sind die Form der Frontseite des Ruderhauses – auf der Olympic geschwungen, auf der Titanic gerade – oder die gänzlich andere Anordnung der Bullaugen. Ein Austausch hätte also einen Komplettumbau der beiden Schiffe bedeutet.

 Dazu kam: Als die beiden Schiffe auf der Werft nebeneinander lagen – der Zeitpunkt, zu dem der Austausch angeblich hätte stattfinden sollen – war die Titanic noch nicht komplett einsatzbereit. Drei der vier Schornsteine waren noch nicht aufgestellt und das Schiff war noch nicht lackiert. Als die Olympic die Werft nach der Reparatur wieder verließ, war die Titanic immer noch nicht lackiert, von den vier Schornsteinen standen mittlerweile drei.

Das bedeutet: Um die beiden Schiffe auszutauschen, hätte man zahlreiche bauliche Details anpassen und nebenbei die Titanic komplett fertigstellen müssen; zudem hätte der Lack der Olympic abgekratzt und mindestens ein Schornstein abgebaut werden müssen.

Mit Blick auf die Versicherungsbetrugs-Theorie sind hier natürlich vor allem die enormen Kosten für diese Aktion interessant. Aber auch die Zahl der Mitwisser eines solchen Austausches bringt jeden Gedanken einer Verschwörung ins Schlingern: Rund 15.000 Arbeiter waren permanent im Einsatz, mit Gelegenheitshelfern, Anlieferern und so weiter belief sich die Zahl der an der Reparatur der Olympic und der Fertigstellung der Titanic Beteiligten auf rund 60.000. Wer hätte die wie alle ruhigstellen sollen?

Und wie viel Zeit war überhaupt für die ganze Aktion vorhanden? Nun, die Olympic und die Titanic lagen vom 7. Oktober bis zum 20. November 1911 nebeneinander – ganze 44 Tage. Das, wohlgemerkt, auf einer gut einsehbaren Werft mitten im Hafen von Belfast – geheime Arbeiten hätten also nur im Schutze der Dunkelheit stattfinden können.

Ein Austausch war schlicht nicht möglich.    

  1. Wir können einwandfrei beweisen, dass das Wrack am Meeresgrund die Titanic ist, während das Schiff, das bis in die 30er Jahre im Einsatz war, die Olympic war

Zu guter Letzt gibt es noch einen ganz prosaischen Beweis, dass nicht die getarnte Olympic versenkt wurde: Das Schiff auf dem Meeresgrund weist nicht nur alle baulichen Merkmale der Titanic (wie das geschlossene A-Deck und die gerade Ruderhaus-Front) auf, sondern auch ihre Hüllennummer.

Die Hüllennummer der Olympic war die 400, die der Titanic 401. Diese Nummern waren auf buchstäblich tausenden von großen und kleinen Bauteilen der Schiffe angebracht, manchmal eingeprägt, manchmal nur aufgedruckt oder -gemalt. Alle Bauteile des Wracks, die bisher geborgen oder scharf genug fotografiert werden konnten, tragen die 401.

Und als die Olympic zwischen 1935 und 1939 abgewrackt wurde, hielten die Arbeiter in ihren Unterlagen zahlreiche Bauteile mit der Nummer 400 fest – kein einziges mit der Nummer 401. Einige Teile der Olympic wurden erhalten und können noch heute angesehen werden. So befinden sich Teile der Erste-Klasse-Lounge und der großen Treppe heute im White Swan Hotel in Alnwick – überall findet sich dort die Nummer 400.

Das beseitigt jeden Restzweifel: Die Titanic ging 1912 unter und liegt heute auf dem Meeresgrund, die Olympic fuhr bis 1935 und wurde dann abgewrackt. Ein Austausch der beiden Schiffe und ein Versicherungsbetrug fanden nicht statt.

 

Verschwörungsmythos 2: Es war ein Anschlag, aus finanzpolitischen Gründen sollten drei reiche Passagiere versenkt werden

Um diesen Mythos zu verstehen, muss man erstmal einen anderen Verschwörungsmythos kennen, der sich um das US-amerikanische Zentralbanksystem Federal Reserve System dreht. Die Federal Reserve legt die Geldpolitik der USA fest und beaufsichtigt die amerikanischen Banken. Es gibt durchaus auch berechtigte Kritik an diesem System, aber in der Welt der Verschwörungsgläubigen wird die Federal Reserve vom „Finanzjudentum“ gelenkt, um die Welt ins Chaos zu stürzen; sie steckt hinter allen Kriegen der letzten hundert Jahre, plane eine Neue Weltordnung, sei mit Satanisten und Illuminaten verbandelt und so weiter.

Was hat das nun mit der Titanic zu tun? Nun, an Bord befanden sich drei der damals reichsten Männer der Welt: John Jacob Astor IV., Benjamin Guggenheim und Isidor Strauß. Dem Verschwörungsmythos nach waren die Drei mächtige Gegner des damals noch in den Planungsstadien befindlichen Federal Reserve System. Der Eigner der Titanic, J.P. Morgan, hingegen war in die Gründung der Federal Reserve verwickelt und wollte die lästigen Gegner loswerden. Also lud er sie auf die Jungfernfahrt seines neuen Schiffs ein und ließ es dann versenken, wobei Astor, Guggenheim und Strauß ums Leben kamen. Anderthalb Jahre nach dem Unglück wurde die Federal Reserve dann gegründet.

Kann an diesem Mythos etwas dran sein?

Wer nicht verschwörungstheoretisch denkt, erkennt vermutlich gleich einen Logikfehler an der ganzen Geschichte: Das wäre ein unglaublich aufwändiger, kostspieliger und riskanter Plan, um drei Männer zu ermorden. Es müsste zahlreiche Mitwisser gegeben haben; zumindest die Führungscrew der Titanic, die das Schiff dann absichtlich versenkt hätte, vermutlich aber auch jedes einzelne an den Evakuierungsmaßnahmen beteiligte Besatzungsmitglied – denn wie hätte man sonst sicherstellen wollen, dass die drei Männer es nicht doch in ein Rettungsboot schafften? Der oben bereits erwähnte finanzielle Schaden und der Imageverlust für Morgans Reederei müssten auch eingepreist werden; hätte es keine billigere, weniger aufwändige, sicherere Methode gegeben, sich der Konkurrenz zu entledigen?

Neben der reinen Logik erteilen aber auch die Fakten diesem Mythos eine klare Absage. Seine Grundpfeiler halten einer Überprüfung nicht stand:

-          Astor, Guggenheim und Strauß waren keine lautstarken Gegner des Federal Reserve System. Diese Behauptung ist eben das – eine bloße Behauptung, die im Internetzeitalter entstand. Niemand konnte bisher eine Aussage von Astor oder Guggenheim zur Federal Reserve finden; welche Meinung sie auch immer dazu hatten, sie haben sie nicht öffentlich gemacht. Und Strauß war nachweislich ein Befürworter der Idee, wie man z.B. zeitgenössischen Zeitungen entnehmen kann.

-          Astor, Guggenheim und Strauß wurden nicht eingeladen, um mit der Titanic zu fahren, und ihre Anwesenheit an Bord war nicht im Voraus absehbar. Astor hatte geplant, wesentlich länger in Europa zu bleiben, suchte aber eine Überfahrt, da seine junge Frau schwanger geworden war und das Kind in den USA zur Welt kommen sollte. Auch Strauß befand sich auf der Rückreise von einem Europa-Urlaub. Guggenheim hatte sogar schon eine andere Überfahrt gebucht, auf der Lusitania, die der Cunard-Line gehörte. Doch die Lusitania fiel wegen Reparaturarbeiten aus. Das Ersatzschiff, die Carmania, war Guggenheim wohl nicht luxuriös genug und so buchte er erst ganz kurz vor der Abreise seine Passage auf der Titanic. Dass alle drei sich für die Titanic entschieden, war zu keinem Zeitpunkt absehbar oder planbar.   

-          Drei Gegner mehr oder weniger hätten für die Einführung der Federal Reserve keine Rolle gespielt; Unterstützer wurden schon seit Jahrzehnten gesammelt, und der Beschluss zu ihrer Gründung ging völlig problemlos durch beide Häuser des amerikanischen Kongresses. Was hätten drei Männer in so kurzer Zeit noch dagegen unternehmen sollen?

 

FAZIT:  Beide Verschwörungstheorien um den Untergang der Titanic sind leicht als kompletter Humbug zu erkennen. Es handelt sich allerdings nicht einmal um Seemannsgarn – beide Mythen wurden von Landratten erfunden und verbreiten sich vor allem im Internet…

Quellen: Maltin, Tim: 101 Things you thought you knew about the Titanic… but didn’t. Penguin 2011;  Grimmler, Benedikt: Die 50 populärsten Titanic-Irrtümer. Bucher 2011. Chirnside, Mark: The Olympic Class Ships. The History Press Ltd. 2011; Hall, Steve, Bruce Beveridge und Art Braunschweiger: Titanic or Olympic: Which Ship sank? The History Press Ltd. 2012; Rickens, Christian: Das Glühbirnen-Komplott. KiWi-Taschenbuch 2015; www.titanicswitch.com; www.skeptoid.com; https://markchirnside.co.uk/;  http://www.paullee.com/titanic/switch.php

Ganz weit draußen: Was sind die "Hochsee" und das "offene Meer"?

„Respekt, du Landratte! Deinen ersten Sturm auf See hast du gut überstanden. Aber du warst natürlich noch nah dran an der rettenden Küste. A...