Samstag, 24. August 2024

Der Leuchtturm und der Flugzeugträger - Forderte tatsächlich ein Flugzeugträger einen Leuchtturm zum Beidrehen auf?

 „Die Amerikaner sind wirklich unglaublich arrogant! Die tun so, als ob das Meer ihnen gehöre, und dabei sind sie die reinsten Landratten! Da gab es diesen verrückten Vorfall von 1995… Ein amerikanischer Flugzeugträger hat einen Leuchtturm dazu aufgefordert, den Weg freizumachen! Unglaublich, oder? Aber die Funkprotokolle von damals kann man leicht im Internet finden, schau ruhig selber nach!“

Die Geschichte von der merkwürdigen Begegnung zwischen einem Flugzeugträger und einem Leuchtturm erfreut sich im Internet enormer Beliebtheit. Aber ist der schräge Dialog wirklich so echt, wie auf TikTok behauptet wird?

Die Geschichte wie wir sie kennen – mehr oder weniger

In aller Regel findet man die Geschichte im Internet etwa so erzählt (Übersetzung der Beispielversion auf der englischsprachigen Wikipedia von mir):

„Dies ist das Transkript des Funkverkehrs zwischen einem US-amerikanischen Marineschiff und kanadischen Behörden vor der Küste von Neufundland im Oktober 1995. Veröffentlicht vom Chief of Naval Operations 10.10.95.

Amerikaner: Bitte ändern Sie Ihren Kurs um 15 Grad Nord, um eine Kollision zu vermeiden.

Kanadier: Ich empfehle, dass Sie ihren Kurs um 15 Grad Süd ändern, um eine Kollision zu vermeiden!

Amerikaner: Hier spricht der Kapitän eines US-Marineschiffs. Ich wiederhole, ändern SIE Ihren Kurs!

Kanadier: Nein, ich wiederhole: Ändern SIE Ihren Kurs!

Amerikaner: Hier spricht der Flugzeugträger USS Lincoln, das zweitgrößte Schiff in der Atlantikflotte der Vereinigten Staaten. Wir werden begleitet von drei Zerstörern, drei Kreuzern und mehreren Begleitfahrzeugen. Ich verlange, dass SIE ihren Kurs um 15 Grad Nord ändern, das sind Eins-Fünf Grad Nord, oder wir werden Gegenmaßnahmen ergreifen, um die Sicherheit dieses Schiffes zu gewährleisten!

Kanadier: Hier spricht ein Leuchtturm! Sie sind dran…“

Jaja, die selbstherrlichen Amerikaner… Lustig. Aber auch wahr?

Dem ein oder anderen Leser mag schon ein kleines Problemchen aufgefallen sein: Er hat die Geschichte ein bisschen anders gehört. Als ich sie zum ersten Mal las, war der Unterschied klein, aber dennoch bedeutend: Der Flugzeugträger identifizierte sich als USS George H. W. Bush. In anderen Versionen ist es die berühmte Enterprise. Oder auch die Coral Sea, die Nimitz oder die Missouri. Auch der Standort des Leuchtturms und damit die Nationalität seiner Besatzung ist flexibel: Mal steht er in den USA selbst, etwa vor der Küste von North Carolina, mal am spanischen Kap Finisterre. Oder auch vor Irland oder Schottland, in welchem Falle sich oft auch die Nationalität des Flugzeugträgers ändert: In der irisch-schottischen Version sind natürlich nicht die Amerikaner die Dummen, sondern die Engländer… Es mag auch noch das ein oder andere Detail hinzugefügt worden sein. Manchmal zählt der Leuchtturmwärter nämlich auch noch auf, von wem er „begleitet“ wird – etwa einem Hund, einem Kanarienvogel und einer Flasche Bier.

Dass es so viele widerstreitende Versionen gibt, ist bereits ein schlechtes Zeichen für den Wahrheitsgehalt. Wenn es wirklich eine wahre Version gäbe, ein originales Funkprotokoll des berühmten Gespräches – müssten die Erzählungen dann nicht viel einheitlicher sein? Aber das ist nicht das einzige Problem.

 

Eine fragwürdige Erzählung

Denn wenn man darüber nachdenkt, klingt die Geschichte nicht besonders glaubwürdig. Wie inkompetent müsste die Brückencrew des Flugzeugträgers sein, um einen Leuchtturm für ein Schiff zu halten? Schließlich sind Leuchttürme mit dem einzigen Zweck konzipiert, von weithin als Leuchttürme und damit als Warnsignale erkannt zu werden. Sie sind völlig anders beleuchtet als Schiffe – während ein Leuchtturm ein feststehendes weißes Licht aufweist, das in bestimmten Abständen blinkt, sind Schiffe mit grünen und roten Positionslichtern bestückt, die nicht blinken, sich dafür aber in der Regel mit dem Schiff bewegen. Da besteht selbst bei Nacht und/oder Nebel keine allzu große Verwechslungsgefahr. Ganz zu schweigen davon, dass Leuchttürme auf Radar und GPS, die 1995 sicher zum Einsatz kamen, natürlich eine spezielle Kennung haben. Und wo wollte der Flugzeugträger überhaupt hinfahren? Ein Leuchtturm befindet sich in aller Regel auf oder vor einer festen Landmasse. Oder hatten die Amerikaner die auch nicht erkannt?

Auch der Leuchtturmwärter verhält sich reichlich inkompetent – durch seine Vorbereitung der Pointe bringt er alle Beteiligten in Gefahr. Selbstverständlich hätte er sich sofort als Leuchtturm zu erkennen geben müssen, statt sich auf ein lustiges Streitgespräch einzulassen…

Die ganze Geschichte funktioniert also nur, wenn alle Darsteller völlig unfähig sind – kaum glaubwürdig.

Ein weiteres Problem ist zumindest in vielen Versionen die Identität des Schiffes. Manche der Flugzeugträger, die immer wieder genannt werden, waren 1995 gar nicht im Dienst. Die Coral Sea etwa wurde 1990 außer Dienst gestellt. Die George H. W. Bush hingegen nahm ihren Dienst erst 2006 auf (vermutlich schaffte sie es in „meine“ Version, weil der Name Bush seit der Präsidentschaft des jüngeren George Bush in Witzen schon fast gleichbedeutend mit amerikanischer Bräsigkeit ist…). Die Abraham Lincoln (nicht nur Lincoln!) war zwar zum passenden Zeitpunkt im Dienst, aber Teil der Pazifikflotte und so eher nicht vor Neufundland zu finden und keinesfalls das „zweitgrößte Schiff der Atlantikflotte“. Einen Flugzeugträger Missouri gibt es nicht, die USS Missouri war ein Schlachtschiff.

Und zu guter Letzt: Alle Leuchttürme in den USA und Kanada und auch der Leuchtturm am Kap Finisterre waren 1995 schon automatisiert, es gab also gar keinen Leuchtturmwärter, mit dem sich der Kapitän des Flugzeugträgers ein Wortgefecht hätte liefern können…

Der Ursprung der Legende

Aber vielleicht basiert die Geschichte ja doch auf einem wahren Ereignis und wurde nur durch ständiges Weitererzählen in den Details verfälscht?

Unwahrscheinlich. Denn keine der angeblich beteiligen Behörden weiß etwas von so einem Funkverkehr. Die US Navy hatte jahrelang sogar eine Seite auf ihrer offiziellen Website, auf der die Legende bestritten wurde. Der damals zuständige Chief of Naval Operations Jeremy Boorda bezeichnete sie als eine „totale Unfugs-Geschichte“. Na gut, vielleicht war es den Amerikanern peinlich? Aber auch die Kanadier und die Spanier wissen von nichts.

Und als die Faktencheck-Website Snopes.com der Sache nachging, stieß sie auf zahlreiche Versionen derselben Geschichte, die wesentlich früher erzählt worden waren als 1995 und oft alle Anzeichen eines alten Witzes aufwiesen. Die älteste nachgewiesene Version ist eine Karikatur aus der Londoner Zeitung The Humorist von 1931. In dieser lehnen zwei Männer an gegenüberliegenden Relings und kommunizieren per Flüstertüte: „Wohin willst du mit diesem blinkenden Schiff?“ – „Das ist kein Schiff, sondern ein Leuchtturm!“

Möglicherweise liegt hier also der Ursprung der Legende. Aber genauso ist es denkbar, dass der Karikaturist einfach einen noch viel älteren Witz illustrierte…

Die viel bessere Geschichte von der funkenden George H.W. Bush

Der berühmte Funkverkehr hat also mit großer Sicherheit niemals stattgefunden. Aber kein Grund zur Trauer: Eine viel bessere Geschichte ist absolut wahr. Sie hat zwar direkt wenig mit der Leuchtturm-Legende zu tun, ist aber zu schön, um sie bei so einer günstigen Gelegenheit nicht zu erzählen – zumal immerhin die USS George H.W. Bush eine Rolle spielt:

1962 traf der amerikanische Flugzeugträger USS Independence im Mittelmeer auf einen herrlichen Dreimaster unter vollen Segeln. Der Flugzeugträger forderte das Schiff per Lichtsignal auf, sich zu identifizieren, und der Segler gab sich als italienisches Segelschulschiff Amerigo Vespucci zu erkennen. Daraufhin signalisierte die Independence: „Du bist das schönste Schiff der Welt!“ Dieses Label blieb von nun an an der Vespucci hängen, die bis heute im Einsatz ist.

2022 kreuzte die Vespucci erneut den Weg eines amerikanischen Flugzeugträgers, der USS George H.W. Bush. Erneut wurde sie, diesmal per Funk, aufgefordert, sich zu identifizieren und gab sich als Amerigo Vespucci zu erkennen. Daraufhin fragte die Bush: „Die Amerigo Vespucci, die 1962 mit der Independence zusammengetroffen ist?“ Als die Italiener das bejahten, bekamen sie zur Antwort: „60 Jahre später bist du immer noch das schönste Schiff der Welt!“

Hach, Seefahrt kann so romantisch sein…

Fazit

Nein, auch die Amerikaner sind nicht so dumm und arrogant, dass sie einen Leuchtturm zum Beidrehen auffordern. Die legendäre Geschichte vom Streitgespräch zwischen Flugzeugträger und Leuchtturm, sie ist nur eine Wandersage, vermutlich basierend auf einem alten Witz.  

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