Samstag, 16. März 2024

Der Seeungeheuer-Angriff von Pensacola - Überlebte Edward Brian McCleary tatsächlich eine Seemonster-Attacke?

 

„Am 24. März 1962 brachen fünf Jungs aus Pensacola, Florida, zu einem Tauchausflug auf: Die 16-jährigen Edward Brian McCleary, Eric Ruyle und Warren Felley Jr. sowie der 17-jährige Larry Bill und der 14-jährige Bradford Rice. Sie wollten mit einem Schlauchboot zum Wrack der USS Massachusetts rudern, das rund zwei Meilen von der Küste entfernt in der Pensacola Bay auf einer Sandbank lag.

Doch während sie auf das Meer hinaus paddelten, zog ein Sturm auf. Die See wurde unruhig und die Jungs kamen kaum noch voran. Als sie bemerkten, dass die anderen Boote, die sie in der Entfernung beobachten konnten, alle landeinwärts hielten, wurden sie unruhig und entschieden, sich ebenfalls in Sicherheit zu bringen. Aber nach wie vor kamen sie kaum voran. Als ein großes Boot in Sichtweite vorbeifuhr, gaben sie daher ein Notsignal, indem sie ein rotes Kleidungsstück an der Spitze ihrer Haiharpune befestigten und in Richtung des Bootes abfeuerten. Das Boot jedoch fuhr einfach weiter.

Daraufhin versuchten die Jungs, ihr Boot an einer nahen Boje festzumachen, um dort den Sturm abzuwarten. Doch eine heftige Strömung riss das Boot unter der Boje durch und schleuderte die Teenager ins Wasser. Mit Müh und Not schafften sie es, als das Boot auf der anderen Seite der Boje wieder auftauchte, wieder hineinzuklettern, doch nun riss die Strömung das Boot mit seinen Passagieren ins offene Meer hinaus.

Stundenlang trieben die fünf herum, völlig durchnässt, halb erfroren, orientierungslos. Schließlich ließ der Sturm nach, dafür kam Nebel auf. Während die Jungs sich ein paar Zigaretten teilten, nahmen sie plötzlich einen fischigen Geruch wahr und hörten ein lautes Platschen. In der Ferne konnten sie eine merkwürdige Silhouette ausmachen, ein Objekt, das wie ein Telegraphenmast aus dem Wasser ragte. Plötzlich bog sich das Objekt nach unten und tauchte ab. Kurz darauf hörten die Jungen einen hohen Schrei. Sie gerieten in Panik, zogen ihre Schwimmflossen an und sprangen ins Wasser.

Sie versuchten, dorthin zu schwimmen, wo sie das Wrack der Massachusetts vermuteten. McCleary, Bill und Ruyle blieben dabei zusammen, verloren aber praktisch sofort Felley und Rice aus den Augen. Es waren nur rund 30 Sekunden vergangen, als sie Felley schreien hörten: „Hilfe! Hilfe! Es hat Brad!“ Dann verstummte Felley und ward nie mehr gesehen.

Als nächstes verschwand Larry Bill. McCleary und Ruyle tauchten nach ihm, konnten ihn aber nicht finden. Also schwammen sie weiter in Richtung des Wracks, das sie mittlerweile sehen konnten. Sie hatten es fast erreicht, als das Wesen plötzlich neben Ruyle aus dem Meer auftauchte – ein langer, gerader Hals mit einem kleinen schildkrötenartigen Kopf, grüne ledrige Haut, eine große lange Rückenflosse… Das Ungeheuer fiel über Rice her und verschwand mit ihm in den Tiefen. McCleary geriet in Panik, schwamm am Wrack vorbei – und das nächste, woran er sich erinnern konnte, war, dass er am Strand von Pensacola aufwachte.

Später wurden das noch intakte Boot der Freunde und die Leiche von Brad Rice ebenfalls an den Strand gespült. Als Rices Todesursache wurde Ertrinken festgestellt; die anderen Freunde wurden nie gefunden. Die Zeitungsberichte über den Vorfall verschwiegen das Seeungeheuer, doch McCleary verfasste einige Monate später eine lange Nacherzählung für das Fate Magazine, der er auch eine Skizze des Ungeheuers beilegte.

Was also hatte McClearys Freunde getötet?“

Was ist von dieser, immer wieder als Fakt berichteten, Geschichte zu halten? Haben wir hier wirklich einen einmaligen Fall von einer tödlichen Attacke durch ein Seeungeheuer vorliegen? Oder gibt es eine ganz andere Erklärung für die Angelegenheit? Schauen wir uns das Ganze einmal näher an.

Die merkwürdige Geschichte von Cecil, der seekranken Seeschlange

Zwei Aspekte der Geschichte werden gerne weggelassen, wenn sie auf Mystery-Websites nacherzählt wird. Erstens, dass es heißt, die Untersuchung des Körpers von Bradford Rice habe Ertrinken als Todesursache festgestellt und keine auffälligen Verletzungen nachweisen können, die zum Angriff durch ein großes Raubtier gepasst hätten.

Zweitens, und noch merkwürdiger: Die Beschreibung des Seeungeheuers, die McCleary gab, entspricht im Detail einem damals bekannten Vorbild: Cecil, der seekranken Seeschlange aus der Zeichentrickserie Beany and Cecil. Das Cartoonungeheuer ist (laut Titelsong) zehn Fuß groß, es ist meist als gerade aus dem Wasser ragender Hals mit Kopf zu sehen. Cecil ist Grün, hat einen schildkrötenartigen Kopf mit ovalen Augen und eine auffällige „Rückenflosse“. Sogar Cecils lange Wimpern sind auf McClearys Skizze des Angreifers zu erkennen. Die Fernsehserie feierte ihr Debüt im Januar 1962…

Es wird behauptet – aber das gehört zu den vielen Details dieser Geschichte, die nur anekdotenhaft erzählt werden und nicht über saubere Quellen zu belegen sind – dass McCleary, auf die Ähnlichkeit angesprochen, bestätigte, dass es sich bei dem Ungeheuer um Cecil, die Seeschlange gehandelt habe – und andeutete, möglicherweise habe sich die Cartoonfigur auf geheimnisvolle Weise manifestiert, um seine Freunde zu töten.     

Ein Monster zur Traumabewältigung?

Wenn wir diese doch sehr weit hergeholte Theorie einmal beiseite schieben, müssen wir also davon ausgehen, dass es kein Seeungeheuer gegeben hat. Aber warum berichtete McCleary dann davon? Was ist wirklich geschehen?

Vielfach ist vorgeschlagen worden, bei der Seeungeheuer-Geschichte handele es sich um eine sogenannte „Schutzerinnerung“, eine falsche Erinnerung, die das Gehirn praktisch künstlich erzeugt, um eine traumatische Erfahrung zu verdrängen. McCleary habe das Ertrinken seiner Freunde als extrem traumatisch erlebt, und um seinen Verstand zu schützen, habe sein Gehirn ihm weisgemacht, sie seien von einem Ungeheuer gefressen worden.

Man fragt sich dabei natürlich, ob der Angriff eines Monsters nicht eine viel traumatischere und beängstigendere Erinnerung wäre als die an einen Bootsunfall...

Darüber hinaus hat diese These aber noch ein weiteres Problem: Sie basiert auf einer psychologischen Vorstellung, die von praktisch allen Experten abgelehnt wird. Es gibt nach all unserem Wissen keine „Schutzerinnerungen“, die traumatische Erfahrungen überdecken. 

„Die Auffassung, der Verstand schütze sich selbst, indem er traumatische Erinnerungen abtrennt und für das Bewusstsein unzugänglich macht, ist ein Stück psychiatrischer Folklore ohne jede überzeugende empirische Grundlage,“ sagt der Traumaforscher Richard McNally.

Eine falsche Erinnerung können wir also guten Gewissens ausschließen – eine solche Erklärung wäre mindestens ebenso fantastisch wie ein tatsächliches Seeungeheuer.

Wer hat Monster gespielt?

Wenn wir also voraussetzen, dass McCleary nicht gelogen hat, dann muss er tatsächlich etwas gesehen haben, das er für Cecil, die Seeschlange hielt. Was könnte das gewesen sein?

Bisweilen wird die Behauptung aufgestellt, McClearys Freunde seien von einem Weißen Hai gefressen worden. Aber ein Weißer Hai, der eine ganze Gruppe attackiert und mehrere Menschen in schneller Folge tötet, wäre wahrlich ungewöhnlich. Zudem gibt es zwischen McClearys Beschreibung des Angreifers und einem Weißen Hai praktisch keine Gemeinsamkeiten.

In McClearys Nacherzählung des Vorfalls vermutet einer seiner Freunde bei der ersten Sichtung des Wesens, es handele sich um einen Riemenfisch. Diese bis zu acht Meter langen schlangenartigen Fische kommen weltweit in den Ozeanen vor und werden oft als Erklärung für Seeschlangensichtungen herangezogen. Gegen diese Theorie spricht aber, dass es sich bei Riemenfischen um  Tiefseebewohner handelt, die nur sehr selten von Menschen gesichtet werden. Zudem besitzen sie einen auffälligen roten Kamm, der in McClearys Beschreibung fehlt.

Zudem wurde der Vorschlag ins Rennen geworfen, die Jugendlichen hätten das Periskop eines U-Bootes gesehen. Aber wo soll ein tauchendes U-Boot vor der Küste von Florida hergekommen sein?

Der wohl beste Kandidat für ein falsches Ungeheuer ist aber der sogenannte Atlantische Nordkaper. Dieser bis zu 18 Meter lange Wal hält sich in den Wintermonaten nachweislich im fraglichen Gebiet auf, ist aber so selten, dass auch Einheimische seinen Anblick nicht gewohnt sind. Der Nordkaper ernährt sich wie alle Bartenwale von Plankton, das er aus dem Wasser filtert. Dabei kann sein Maul auf eine Weise aus dem Wasser ragen, die frappierend an ein klassisches Seeungeheuer erinnert.

Ist das also des Rätsels Lösung? Gerieten die fünf Jungs durch schlechtes Wetter oder vielleicht auch eine unvorhergesehene Strömung in Seenot, sahen einen fressenden Wal, brachen in Panik aus, sprangen ins Wasser und ertranken? Nicht auszuschließen.

Aber all diese „Fehlsichtung“-Ansätze haben ein Problem: McCleary schildert definitiv ein grünes Seeungeheuer, und er behauptet, klare Sicht auf das Wesen gehabt zu haben. Wenn man seiner Schilderung Glauben schenkt, dann wäre kaum eine Verwechslung möglich. Was die Frage aufwirft: Kann man seiner Schilderung Glauben schenken?

Ein Seeungeheuer als Mordalibi?

Denn natürlich gibt es auch die Theorie, dass McCleary seine Freunde auf See ermordete und das Monster später als Alibi erfand. Vertreter dieser These weisen auf eine ganze Reihe von verdächtigen Aspekten der Geschichte hin.

Offenbar lügt McCleary in seiner Nacherzählung der Ereignisse mehrfach, nicht nur in Bezug auf den Angriff eines Seeungeheuers. So behauptet er, die Teenager seien in einen schrecklichen Sturm geraten, aber die amerikanischen Wetterarchive belegen, dass an diesem Tag in Pensacola gutes Wetter herrschte. Des Weiteren wird in McClearys Erzählung klar darauf hingewiesen, dass die Jugendlichen ihre Schwimmflossen anlegten, bevor sie ins Wasser gingen. Aber warum berichten die Zeitungsartikel über den Fall dann davon, dass, als das Schlauchboot geborgen werden konnte, alle Schwimmflossen sich an Bord befanden?

Auch die merkwürdige Episode, in der einer der Freunde die Harpune abfeuert, um die Aufmerksamkeit eines vorbeifahrenden Bootes zu erregen, klingt verdächtig – möglicherweise wurde sie eingefügt für den Fall, dass die Harpune gefunden und man feststellen würde, dass sie abgefeuert wurde? Daneben finden sich weitere Ungereimtheiten in McClearys Geschichte. Wo bekommen die völlig durchnässten Jungen, nachdem ihr Boot schon einmal unter Wasser gerissen wurde, plötzlich trockene Zigaretten her? Warum springen sie in ihrer Angst ins Wasser, wenn das Wesen, vor dem sie Angst haben, sich im Wasser befindet?

Und warum wurden zwar das Schlauchboot und eine Leiche an Land gespült, drei weitere Leichen blieben jedoch spurlos verschwunden? Hatte jemand dafür gesorgt, dass sie nicht auftauchen würden?

Das Gegenargument, das von Anhängern der Seeungeheuer-Theorie hier meist bemüht wird, ist, dass es kein Motiv gäbe – McCleary habe doch gar keinen Grund gehabt, seine Freunde zu töten!

Ein eher schwachbrüstiges Argument. Denn was weiß man schon über die Motive von Teenager-Jungs, die man nicht einmal persönlich kennt? Außerdem gab McCleary an, nach dem Vorfall Stimmen im Kopf zu hören – Schizophrenie tritt oft im Teenageralter erstmalig in Erscheinung und kann in Einzelfällen zu gewalttätigen Ausbrüchen führen; Morde im Zusammenhang mit Schizophrenie sind selten, aber schon vorgekommen.

Oder einfach nur ein Hoax?

Vielleicht gibt es aber auch eine ganz prosaische Erklärung für das rätselhafte Ereignis.

Als der Kryptozoologie-Autor Michael Newton der Sache für sein Buch Florida’s unexpected wildlife nachging, stellte er fest, dass es praktisch keine Informationen über die Ereignisse oder die beteiligten Personen gibt. Er konnte von den knappen Zeitungsberichten und einer späteren Beerdigungsanzeige für Brad Rice (von dem es heute auch eine passende Grabstätte gibt) abgesehen keine weiteren Berichte finden. Weder hatten die örtlichen Behörden Aufzeichnungen über eine Suchaktion vorliegen, noch ließen sich Angehörige der Opfer auftreiben. Die Existenz der drei vermeintlich verschollenen Freunde Larry Bill, Eric Ruyle und Warren Salley Jr. ist nicht nachweisbar; die drei haben zumindest niemals eine Sozialversicherungsnummer gehabt, und ein Brief an die unter der Hand kursierende angebliche Adresse von Larry Bills Stiefmutter blieb unbeantwortet.

Was soll man daraus machen? Ist möglicherweise im März 1962 nur ein Brad Rice ertrunken? Und benutzte Edward Brian McCleary diese tragische Geschichte, um darum ein Märchen zu spinnen und im (nicht besonders seriösen) Fate Magazine veröffentlicht zu werden?

Fazit: Die Geschichte über die Seeungeheuer-Attacke von Pensacola ist erstaunlich undurchschaubar. Eine ganz klare Antwort, was an diesem Märztag im Jahre 1962 geschah, kann ich hier nicht geben, und nach dem Tod der einzigen Person, die die Wahrheit vielleicht kannte, wird der Fall wohl niemals aufgeklärt werden. Am wahrscheinlichsten ist aber, dass es Larry Bill, Eric Ruyle und Warren Salley Jr. nie gegeben hat, ebenso wenig wie den Seeungeheuer-Angriff. McCleary erfand wohl einfach eine aufregende Geschichte rund um den Tod von Brad Rice, in den er vielleicht verwickelt war, vielleicht aber auch nicht.

 

Weitere Quellen: Morbid Streak: My Escape from a Sea Monster: the wild tale of Edward Brian McCleary ; A Florida Teen Said A ‘Sea Monster’ Killed Four Of His Friends | Thought Catalog ; The craziest murder alibi...that someone actually got away with, and it happened in Florida! (beyondstupidity.blogspot.com)

Ganz weit draußen: Was sind die "Hochsee" und das "offene Meer"?

„Respekt, du Landratte! Deinen ersten Sturm auf See hast du gut überstanden. Aber du warst natürlich noch nah dran an der rettenden Küste. A...