Dienstag, 23. Januar 2024

Aberglaube: Wie soll ich mein Boot nennen?

 

„Ich habe Hein noch gesagt, dass er sein Boot nicht Titanic II nennen soll – damit hat er das Unglück natürlich herausgefordert. Ständig ging irgendwas schief; er lief auf Grund, die Elektronik hatte einen Kurzschluss, sein Bordradio wurde gestohlen… Irgendwann hatte er genug – und machte es noch schlimmer: Er wollte lustig sein und benannte sein Boot um – in Die Bösartige! Kurz danach stach er in See… und wir haben ihn nie wiedergesehen!“

 

Um Schiffs- und Bootsnamen ranken sich zahlreiche Legenden. Schon im alten Griechenland versah man Schiffe mit einem eigenen Namen. Schon damals hielt man sich an die noch heute gültige Konvention, dass der Name weiblich zu sein hatte oder zumindest mit weiblichem Pronomen genannt werden sollte. Und seit damals gibt es zahlreiche abergläubische Ansichten darüber, welche Namen Unglück heraufbeschwören. Falls du also einen Namen für dein neues Boot suchst, vermeide folgende Namen, die Unglück bringen sollen:

 

-          Der Name deiner Partnerin

Ein häufiger Fehler. Hanna wird sich ja sooooo geschmeichelt fühlen, wenn du deine Jacht nach ihr benennst… Aber da gibt es gleich mehrere Risiken. Zunächst die offensichtlichen: Nicht jede Frau findet das wirklich so schmeichelhaft – insbesondere, wenn sie gegen das Boot war, könnte sie verärgert sein. Und was, wenn man sich trennt und neu orientiert? Lena ist vielleicht nicht so begeistert, wenn du deine ganze Freizeit mit der Hanna verbringst… Auch der Aberglaube rät ab: Das Boot könnte eifersüchtig sein und Ärger machen. Und wenn es tatsächlich sinken sollte, wird die Frau, nach der es benannt wurde, von nun an vom Pech verfolgt werden…

-          Der Name eines Unglücksschiffes

Das ist wenig überraschend. Sicher ist dir schon aufgefallen, dass heutzutage kaum mal ein Boot mit dem Namen Titanic, Lusitania oder Wilhelm Gustloff unterwegs ist. Allerdings: Die Regel gilt nur für Namen, die ausschließlich mit einem schlimmen Unglück verbunden werden. Geht mal ein Schiff verloren, dessen Name auch von erfolgreicheren Schiffen getragen wurde, ist das Risiko, das man mit einer erneuten Wahl dieses Namens eingeht, zumindest geringer.

-          Ein Name, der das Meer/die Meergötter herausfordert

Es gibt so Namen, denen man nachsagt, sie würden das Meer und/oder seine Götter dazu verleiten, es dir mal so richtig zeigen zu wollen – was natürlich nicht gut für dich ausgeht. Diese Namen fallen in drei Kategorien: Erstens pompöse, arrogante Namen – Unbesiegbar, Millionär, Herrscherin der Meere, Hurricane, natürlich Die Unsinkbare… Hier gilt übrigens für Kriegsschiffe eine kleine Ausnahme – sie dürfen kämpferisch pompöse Namen wie Dreadnought („Fürchte-nichts“) tragen. Auch einige Kreuzfahrtschiffe sind mit Namen wie Königin der See davongekommen. Probiere das aber nicht mit einer kleinen Jacht aus. Zweitens die Namen der Seegötter. Eine Poseidon oder Njörd ist eine schlechte Idee. Auch hier gilt eine Ausnahme für Kriegsschiffe. Und drittens ironische Namen wie Schiffbruch voraus!, Die Unsinkbare II und so weiter. Die fordern es nun wirklich heraus.

 

-          Ein Name, der dem Boot negative Eigenschaften unterstellt

Die Bösartige, Nuckelpinne, Nervensäge, Groschengrab, Seelenverkäufer… Immer mal wieder versucht es jemand mit so einem „lustigen“ Namen. Aber es ist keine gute Idee, das Boot zu beleidigen, dem du auf See dein Leben anvertrauen willst…

 

Nun willst du vielleicht diesen Problemen ausweichen, indem du deinem Boot einfach gar keinen Namen gibst – aber Pech gehabt! Das bringt selbstverständlich auch Unglück!

Und wenn du ein gebrauchtes Boot mit ungünstigem Namen gekauft hast? Dann darfst du es umbenennen – unter Einhaltung zahlreicher Rituale. Jede Spur des alten Namens an Bord muss getilgt werden, die Reste von Namensplaketten etc. im Meer versenkt und mit dem Boot rückwärts darübergefahren werden. Danach sollte den Meergöttern ein schöner Schluck Alkohol geopfert werden. Ein Boot umbenennen, ohne dass der Besitzer wechselt, geht allerdings leider gar nicht!

Beachte ansonsten auch die Regeln, die deine Seefahrtsbehörde vorschreibt – in vielen Ländern gibt es eine erlaubte Höchstzahl an Buchstaben im Namen; oft ist es auch verboten, einem Boot einen Namen zu geben, der einem Notruf gleicht – also zum Beispiel Mayday oder – wegen Verwechslungsgefahr – Heyday. Selbst wenn beleidigende oder aus historischen Gründen verpönte Namen (ich denke, hier sind keine Beispiele nötig) nicht ausdrücklich verboten sind, solltest du davon absehen – du wirst dir damit im Hafen Ärger einhandeln.

Ach ja, und achte darauf, dass der Name zum Charakter deines Bootes passt – er soll ja nicht nur dir gefallen, sondern auch dem Boot selbst…

Samstag, 20. Januar 2024

Die lebendige Insel

 

„Dem Unwetter knapp entkommen, brauchten wir dringend Land unter den Füßen. Wir sehnten uns nach einem Feuerchen um unsere durchnässten Kleider und vor Kälte schon tauben Glieder zu wärmen, und wir mussten dringend Reparaturen an unserem Schiff vornehmen. Doch laut unserer Seekarten gab es weit und breit kein Land. Wir waren der Verzweiflung schon nahe, als Hein einen Schrei ausstieß: „LAND IN SICHT!“ „Unmöglich“, sagte ich, doch als ich in die Richtung blickte, in die Hein zeigte, sah ich es auch: Eine Insel, nicht riesig, aber groß genug, um an Land zu gehen.

Mit letzter Kraft erreichten wir das rätselhafte Eiland und warfen Anker. Wir setzten mit dem Beiboot über und betraten den merkwürdig glatten, aber festen Boden. Die Insel war unbewachsen, aber wir fanden jede Menge Treibholz, und bald knisterte ein herrliches Feuer in unserer Mitte. Doch gerade, als wir uns entspannten, ging ein Ruck durch die ganze Insel. Ein grauenhaftes Gebrüll ertönte, und das vermeintliche Stück Land setzte sich in Bewegung. Es war ein riesiges Meeresungeheuer, das knapp unter der Meeresoberfläche gelegen hatte und nun abtauchte. Und wir saßen auf seinem Rücken fest! Schon nach Sekunden war das Ungeheuer in die Tiefen entglitten, und sein Sog hatte unser Schiff alle meine Schiffskameraden mit sich gerissen. Nur ich konnte mich an einem Stück Treibholz festhalten und wurde später von einem vorbeikommenden Schiff gerettet…“

In mittelalterlichen Bestiarien findet sich ein Wesen namens Aspidochelone. Manchmal wird es wie ein Wal oder ein Fisch dargestellt, manchmal mehr wie eine Schildkröte (der Name lässt sich aus dem Griechischen als für deutsche Ohren doppelt gemoppelte „Schild-Schildkröte“ übersetzen).

Den Beschreibungen nach war die Aspidochelone ein gigantisches Wesen, das tief im Meer hauste, aber regelmäßig an die Oberfläche kam und mit dem Rücken über Wasser tagelang dahintrieb. Der Rücken war rau und zerklüftet wie eine Felseninsel und sogar von Bäumen oder Palmen bewachsen. Seemännern erschien er wie eine Insel, und oft ging jemand „an Land“, doch sobald man ein Feuer auf dem Tier entzündete, tauchte es in die Tiefe und riss die unerwünschten Besucher mit sich. Uneinigkeit herrscht neben der genauen Gestalt des Wesens auch darüber, ob es friedlich war und die Versenkung von Seeleuten unabsichtlich passierte, oder ob die Aspidochelone ein Menschenfresser war, der seine Opfer absichtlich als Insel getarnt ins Verderben lockte. Auf jeden Fall aber fraß sie auch Fisch, den sie durch Aussenden eines Lockduftes oder durch Hochwürgen von Nahrung direkt in ihr Maul lockte.

Die älteste Beschreibung dieses Wesens findet sich in der frühchristlichen Schrift Physiologus aus dem zweiten Jahrhundert n.Chr.; dort wird es als „großer Wal“ bezeichnet. Auch im Talmud und in späteren christlichen Bibelkommentaren werden ähnliche Geschöpfe erwähnt. Die isländische Mythologie kannte ein Wesen namens hafgufa, einen riesigen Wal oder Fisch, der mehr wie eine Insel als wie ein Lebewesen aussah. Das Ungetüm lauerte flach unter der Wasseroberfläche, streckte sein weit offenes Maul aus dem Wasser, so dass es wie eine Felsenklippe aussah und fraß alles, was zwischen die Kiefer geriet – Fische, Wale, Menschen, Schiffe… Auch der hafgufa würgte Nahrung hoch, um Fische anzulocken (diese Gemeinsamkeiten mit der Aspidochelone muss man nicht zwingend als unglaublichen Zufall oder gar Hinweis auf die reale Existenz dieser Wesen deuten – es gab eine isländische Übersetzung des Physiologus…).

In der arabischen Mythologie taucht eine Kreatur namens Saratan oder Zaratan auf, die ein vergleichbares Verhalten zeigt, allerdings meist als riesiger Krebs beschrieben wird; sie hat unter anderem einen Auftritt in den Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Auch der heilige Brendan, der Seefahrer, soll eine ähnliche Erfahrung gemacht haben. Brendan war ein irischer Priester des sechsten Jahrhunderts, bei dem es sich zwar offenbar um eine tatsächliche historische Persönlichkeit handelt, über den aber zahlreiche Legenden erzählt wurden. So soll er mit einigen Mönchen eine Bootsreise von Irland aus nach Westen unternommen haben, in deren Verlauf er zahlreiche Abenteuer bestand und neue Länder entdeckte. Bei seinem wohl berühmtesten Erlebnis gehen Brendan und seine Mönche auf einer vermeintlichen Insel an Land, auf der Brendan die Ostermesse abhält. Doch als die Mönche ein Feuer entzünden, erwacht die „Insel“ und taucht ab. Brendan und die Mönche können sich gerade noch zurück auf ihr Boot retten, und Brendan identifiziert das Ungeheuer als den „Fisch Jasconius“, der vergeblich versucht, seinen eigenen Schwanz zu fressen.

Diese Legenden haben großen Nachhall in der Popkultur gefunden – zu jeder Zeit. Mittelalterliche Schriften und frühneuzeitliche Weltkarten sind voll von Darstellungen auf Walen campierender Seefahrer, und sogar das Pokémon Chelterrar basiert auf der Geschichte von der Aspidochelone. Doch gibt es auch halbwegs ernstzunehmende, nicht-sagenhafte Berichte über große Meerestiere, die für Inseln gehalten wurden?

Ich konnte trotz langer Suche keinen einzigen finden – vermutlich wurden diese Geschichten schon immer als Sagen erzählt, nie als Tatsachenbericht. Die einzige belegbare Story, die dem Mythos ansatzweise nahekommt, ist die von den Fischern, die 1873 eine Begegnung mit einem Riesenkalmar hatten. Sie hatten das an der Wasseroberfläche treibende Tier für ein Wrackteil gehalten; als sie versuchten, es zu bergen, griff der Kalmar an. Bei einem kurzen Kampf hackten die Fischer einen fünf Meter langen Tentakel ab und brachten ihn später als Beweis für ihr Erlebnis (und für die damals noch umstrittene Existenz der Riesenkalmare) mit.

Ein Tier, das so groß ist, dass es ernsthaft für eine Insel gehalten werden kann, ist der Wissenschaft nicht bekannt, ganz zu schweigen von einem Tier mit Felsen und Bäumen auf dem Rücken – und wenn ein solches Tier regelmäßig an der Wasseroberfläche treiben würde, dann wüssten wir heute wohl davon. An der Oberfläche treibende Wale oder, wie oben beschrieben, Riesenkalmare, mögen manchmal auf den ersten Blick für ein Wrack oder ein Riff gehalten worden sein, aber Landgänge auf ihnen sind undenkbar.  

Gibt es also keinen realen Hintergrund für die Legenden von Aspidochelone, hafgufa und Saratan? Nun, Wissenschaftler schlagen zwei mögliche Inspirationen vor. Zum einen gibt es weltweit einige sogenannte „Verschwindende Inseln“. Dabei handelt es sich um küstennahe Inseln, die bei Ebbe über dem Meeresspiegel liegen und auch bewachsen sein können, bei Flut jedoch untergehen. Wer eine solche Insel ahnungslos beobachtet oder gar betreten hat und von der Flut überrascht wurde, mag durchaus den Eindruck eines riesigen, abtauchenden Meerestieres gewonnen haben.

Und erst seit 2011 wurde bei verschiedenen Walen eine Verhaltensweise beobachtet, die Ursprung des Mythos vom hafgufa gewesen sein dürfte: Das sogenannte trap feeding, bei dem die Tiere mit weit geöffnetem Maul an der Wasseroberfläche treiben und warten, bis Fische hineinschwimmen. Dass Nahrungsreste als Lockmittel hochgewürgt werden, konnte dabei übrigens bisher nicht beobachtet werden, ist aber durchaus im Bereich des Möglichen…   

FAZIT:  Es gibt kein Meerestier, das als Insel posieren kann – reinstes Seemannsgarn! Dennoch gibt es offenbar einen wahren Kern der Legende – oder sogar deren zwei: Verschwindende Inseln und Wale, die Beute in ihr offenes Maul schwimmen lassen, kommen tatsächlich in der Realität vor.

Ganz weit draußen: Was sind die "Hochsee" und das "offene Meer"?

„Respekt, du Landratte! Deinen ersten Sturm auf See hast du gut überstanden. Aber du warst natürlich noch nah dran an der rettenden Küste. A...