„Respekt, du Landratte! Deinen ersten Sturm auf See hast du gut überstanden. Aber du warst natürlich noch nah dran an der rettenden Küste. Auf dem offenen Meer ist das noch viel abenteuerlicher! Was ich auf hoher See schon alles erlebt habe…“
Dieser Artikel entspringt einer kleinen Recherche, die ich spontan zu einer plötzlich auftauchenden Frage angestellt habe und hier nun kurz teile.
Auslöser war ein Online-Artikel über die Meuterei gegen den Entdecker Henry Hudson im Juni 1611, die damit endete, dass Hudson und ein paar treue Crewmitglieder in einem Beiboot ausgesetzt wurden und seither verschollen sind. In diesem Artikel fand sich die Formulierung, Hudson sei „auf offenem Meer“ ausgesetzt worden, und ein Leser fragte in den Kommentaren, ob es denn auch „nicht offenes Meer“ gäbe.
Eine interessante Frage! Sind der Begriff „offenes Meer“ und die verwandte „hohe See“ einfach nur Redewendungen, die man grob als „weit draußen auf dem Meer“ zu verstehen hat? Oder sind sie klar definiert? Und so oder so: Was wären die Gegenteile, das „nicht offene Meer“, die „nicht hohe See“? Werfen wir mal einen kleinen Blick auf die Begrifflichkeiten!
Die hohe See – ein juristischer Begriff
Der Duden definiert den Begriff „Hochsee“ als „offenes Meer außerhalb der Küstengewässer“. Das mag richtig sein, löst aber unsere Frage nicht. Denn nun ist neben dem offenen Meer auch noch ein neuer Begriff zu klären, „Küstengewässer“.
Zum Glück gibt es zumindest für die Hochsee bzw. die Hohe See und ihr Gegenstück, das Küstenmeer, ziemlich klare Definitionen. Die sind auch wichtig, denn es geht um internationales Recht – um territoriale Ansprüche und Wirtschaftszonen.
Die Definitionen finden wir im Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen (SRÜ) das 1982 erstellt wurde und 1994 in Kraft trat. Laut Teil VII, Abschnitt 1, Artikel 86 des Übereinkommens umfasst die hohe See „all (sic!) Teile des Meeres, die nicht zur ausschließlichen Wirtschaftszone, zum Küstenmeer oder zu den inneren Gewässern eines Staates oder zu den Archipelgewässern eines Archipelstaats gehören“. Die Hochsee definiert sich also weniger daran, was sie ist, als viel mehr daran, was sie nicht ist. Hochsee ist das, was vom Meer übrigbleibt, wenn man folgende Gebiete abzieht:
- Das Küstenmeer: Als Küstenmeer gelten nach dem SRÜ (Teil II, Abschnitt 1, Artikel 1) an die Küsten eines Staates angrenzende Meeresgebiete. Wie weit dieses Küstenmeer auf das Meer hinausreicht, entscheidet jeder Staat für sich selbst, wobei die seewärtige Außengrenze nach Abschnitt 2, Artikel 3 maximal 12 Seemeilen von der jeweiligen Basislinie[1] entfernt sein darf. Dieser Bereich gehört zum Staatsgebiet des jeweiligen Landes, Schiffe anderer Nationen besitzen allerdings ein friedliches Durchfahrrecht.
- Die ausschließliche Wirtschaftszone: Im Prinzip eine Ausweitung des Küstenmeeres. In einem (erneut von dem jeweiligen Staat selbst festgelegten) Bereich von bis zu 200 Seemeilen seewärts der Basislinie seiner Küste kann der jeweilige Staat den alleinigen Zugriff auf die Rohstoffe des Meeres beanspruchen. Von dieser wirtschaftlichen Nutzung abgesehen hat der Staat allerdings keinerlei Hoheitsrechte in dem betroffenen Gebiet.
- Die inneren Gewässer: Die Teile des Meeres, die landwärts der jeweiligen Basislinie liegen – Fjorde, Buchten, Meerbusen, aber auch das Meer zwischen vorgelagerten Inseln und dem Festland.
- Archipelgewässer: Die inneren Gewässer eines sogenannten Archipelstaates, also einer Nation, die nur aus Inseln besteht – wie etwa Indonesien. Die Gewässer zwischen den Inseln können durchaus durch ihre Entfernung vom nächsten Landstück und ihre Tiefe Hochsee-Charakter haben, gelten aber als Staatsgebiet landwärts der Basislinie.
Die juristische Hochsee gilt als internationales Gewässer, das allen Nationen zur Nutzung freisteht. Daraus folgen zahlreiche spannende Regulierungen, denen nachzugehen hier aber zu weit führt – bei Interesse lohnt ein Blick in die online frei verfügbare SRÜ.
Das offene Meer – Eine ökologische Kategorie
Damit wäre die Hochsee geklärt. Aber was ist mit dem „offenen Meer“? Einfach nur ein anderer Begriff für „Hochsee“? Oder umgangssprachlich für „ganz weit draußen“?
Nein – auch „offenes Meer“ ist definiert, wenn auch weniger strikt als die Hochsee. In diesem Fall handelt es sich nicht um eine juristische, sondern um eine ökologische Definition, die nicht von allen Autoritäten völlig gleich getroffen wird. Einig ist man sich im Allgemeinen aber über zwei Dinge:
1. Das offene Meer ist küstenfern, das sogenannte „Küstengewässer“ ist der Gegensatz dazu;
2. Der Meeresgrund ist nicht Teil des offenen Meeres.
Es handelt sich beim offenen Meer also um eine freie Meeresfläche, die keinen Boden berührt. Dem US-amerikanischen National Park Service etwa reicht diese großzügige Definition. Eine geläufige strengere Definition sieht vor, dass das „offene Meer“ vom Land weitestgehend ungestört bleiben muss, also Landorganismen oder Nährstoffe keinen direkten Einfluss darauf nehmen.
2009 lieferte die EU auf eine Anfrage hin dann doch auch eine juristische Definition, die aber im Wesentlichen zu den ökologischen passt: Im Sinne von „Fischerei auf offener See“ ist „offene See“ demnach all das, was nicht von Land aus befischt werden kann…
Und nun zurück zu Henry Hudson
Nachdem wir nun also beide Begriffe geklärt haben, lohnt ein kleiner Blick zurück zu Henry Hudson, dem britischen Entdecker, dessen Aussetzung in einem kleinen Ruderboot 1611 den Auftakt dieser Recherche bildete. Wurde Hudson nun, wie im Artikel behauptet, auf offenem Meer ausgesetzt? Oder gar auf hoher See? Eher nicht. Denn Hudson musste in der heute nach ihm benannten Hudson Bay von Bord gehen – die landwärts der kanadischen Basislinie liegt, demnach ein inneres Gewässer und keine Hochsee ist. Der genaue Ort ist nicht bekannt, aber vermutlich war es auch kein offenes Meer. Denn als die Meuterer später vor Gericht landeten, wurden sie vom Vorwurf des Mordes freigesprochen: Hudson und seine Getreuen waren so nah an bewohnten Inseln ausgesetzt wurden, dass man davon hätte ausgehen können, dass sie in der Lage wären, sich zu retten…
Fazit
Beide Begriffe – Hochsee und offenes Meer – sind keine vagen Angaben, sondern recht genau definiert. Dabei ist „Hochsee“ ein völkerrechtlich-juristischer Begriff und bezeichnet grob gesagt den Teil des Meeres, auf den keine Nation einen exklusiven Anspruch hat. Das „offene Meer“ dagegen ist ein ökologischer Begriff und bezeichnet den Teil des Meeres, der ökologisch vom Festland getrennt ist. Der Gegensatz zu ersterem ist vor allem das Küstenmeer, der zu letzterem das Küstengewässer. Man darf bei solchen sprachlichen Definitionen aber nie vergessen, dass geläufige Umgangssprache nie „falsch“ ist. Der Laie benutzt beide Begriffe eben doch gerne im Sinne von „ganz weit draußen auf dem Meer, wo man kein Land sieht“ – und da sich das so eingebürgert hat, ist es auch im weitesten Sinne korrekt.
Quellen: https://de.wikipedia.org/wiki/Henry_Hudson; Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen ( https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/?uri=CELEX:21998A0623(01) ); Parlamentarische Anfrage – P1480/2009 Definition des Begriffs „Offenes Meer“ (https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/P-6-2009-1480_DE.html ); https://www.gomeravive.com/de/wissen/meer-wissen/der-ozean/lebensraeume-im-meer/offenes-meer/
[1] Ein weiterer Begriff, der zu klären ist: Die Basislinie eines Küstenstaates entspricht der „Niedrigwasserlinie entlang der Küste, wie sie in den vom Küstenstaat amtlich anerkannten Seekarten großen Maßstabs eingetragen ist“, ist also im Prinzip eine Linie, die entlang der äußersten Landgrenzen zur See gezogen wird.