Ein typischer Seemann ist auf jeden Fall tätowiert. Woher kommt das?
Meist wird behauptet, die englischen Seeleute brachten die Tradition des Tätowierens im 18. Jahrhundert von Tahiti mit, wo die Einheimischen sich mit besonders kunstvollen Tätowierungen schmückten. Sicher ist aber nur, dass der Begriff auf das tahitische Wort te tatau zurückgeht; die Kunst des Tätowierens ist auch bei europäischen Seeleuten seit spätestens dem 16. Jahrhundert überliefert.
Anfangs tätowierten Seeleute sich gegenseitig, wenn auf hoher See nichts zu tun war, aber bald entwickelte sich in den Hafenstädten eine lebendige Tätowiererkultur. Seemänner ließen sich jetzt Bilder unter die Haut stechen, wenn sie auf Landgang waren. Schnell entstand eine reiche Bildsprache voller geheimer Bedeutungen und versteckter Codes. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren Tätowierungen fast ausschließlich unter Seeleuten und im Gefängnis verbreitet, und man konnte sich darauf verlassen, dass ein tätowiertes Gegenüber genau wusste, was sein Körperschmuck ausdrückte. Seit der Trend zum Tattoo sich auch unter Landratten verbreitet hat und jeder sich nach Gutdünken Bilder unter die Haut stechen lassen kann, sind die Bedeutungen verwässert oder gänzlich verschwunden. Das klassische Seemannstattoo scheint der Vergangenheit anzugehören. Wer aber trotzdem Wert auf eine passende Bedeutung seiner eigenen Tätowierung legt oder die Haut des alten Seebären in der Hafenschenke deuten möchte, findet hier die wichtigsten Seemannstätowierungen und ihre jeweilige Bedeutung, unterteilt in drei Kategorien.
- Erfahrungen und Erlebnisse
Tätowierungen konnten als eine Art persönliches Logbuch dienen. Ein Blick auf die Zeichen auf der Haut eines Matrosen verriet, was er auf See schon alles erlebt hatte und welche Posten er bekleidet hatte. Häufige Motive dieser Art waren:
Anker – Ein Anker konnte auch ein Eigenschaftssymbol sein – siehe dort –, bedeutete aber vor allem, dass der Träger den Atlantik überquert hatte. In den USA konnte er auch zeigen, dass der betreffende Matrose für die Handelsmarine gefahren war.
Delfine – Wer einen Delfin eintätowiert trug, hatte auf einem U-Boot gedient.
Drachen – Einen Drachen trug, wer bis nach China gesegelt war. Ein goldener Drache dagegen zeigte an, dass der Träger die Datumsgrenze überquert hatte.
Eisbären – Der Träger eines Eisbären hatte den Polarkreis überquert.
Gekreuzte Anker – Gekreuzte Anker wurden zwischen Daumen und Zeigefinger eintätowiert, wenn der Betreffende als boatswains mate, Bootsmannsmaat, gearbeitet hatte – ein mittelprächtiger Rang in der US-Marine.
Gekreuzte Kanonen – Gekreuzte Kanonen wiesen darauf hin, dass der betreffende Seemann in der Kriegsmarine gedient hatte.
Harpunen – Eine Harpune wurde ursprünglich nur von Seeleuten getragen, die auf Walfang gegangen waren; als Walfang seltener wurde, trugen oftmals auch Hochseefischer Harpunen-Tattoos.
Hulamädchen – Eine hawaiianische Hulatänzerin mit Blumen im Haar und um den Hals und Baströckchen zeigte bei einem europäischen Matrosen an, dass er bis nach Hawaii gesegelt war, bei einem amerikanischen Matrosen hingegen, dass er aus Hawaii stationiert gewesen war.
Neptun – Den römischen Meeresgott Neptun mit seinem Dreizack verdiente sich derjenige als Tätowierung, der seine Äquatortaufe hinter sich gebracht hatte.
Palmen – Palmen waren vor allem bei britischen Seeleuten, bei denen sie für Einsätze im Mittelmeer standen, und bei amerikanischen Seeleuten, bei denen sie für Einsätze auf Hawaii standen, verbreitet.
Pin-Up-Girls – Eine erotische Darstellung einer hübschen jungen Frau wies darauf hin, dass der betreffende Seemann in mindestens einem Hafen irgendwo auf der Welt eine Geliebte hatte, die auf ihn wartete.
Roter Teufel – Im 19. Jahrhundert ließen sich Seeleute, die im Maschinenraum arbeiteten, einen roten Teufel stechen.
Schildkröten – Eine Schildkröte zeigte, ähnlich wie Neptun, dass man den Äquator überquert hatte. Eine goldene Schildkröte trug, wer auf einer einzigen Fahrt erstmals sowohl Äquator als auch Datumsgrenze überquert hatte.
Schwalben – in der amerikanischen Handelsmarine ließ man sich eine Schwalbe stechen, wenn man 5000 Seemeilen hinter sich gebracht hatte. Zwei Schwalben standen für 10.000 Seemeilen, drei für 15.000 und so weiter. In anderen Ländern wurde diese Tradition teilweise übernommen, die Schwalbe konnte dort aber auch eine Schutzbedeutung haben (siehe dort). Eine Schwalbe, die von einem Dolch durchstoßen wurde, wies auf einen verstorbenen Schiffskameraden hin.
Segelschiffe – Ein Schiff mit mindestens drei Masten unter vollen Segeln durfte sich nur ein Seemann unter die Haut stechen lassen, der bereits das gefürchtete Kap Hoorn, die stürmische Südspitze Südamerikas, umsegelt hatte.
Taue – Ein Tau mit Seemannsknoten um das Handgelenk trug, wer als Decksmann gearbeitet hatte.
- Persönliche Eigenschaften
Mit manchen Tätowierungen sollten bestimmte Charaktereigenschaften des Trägers, tatsächliche oder erwünschte, dargestellt werden. Die Bandbreite war hier gigantisch, weit verbreitet waren:
Anker mit Herz und/oder Namen – Der Anker mit einem Herz oder dem Namen einer Geliebten stand für besondere Treue; ein Anker mit der Aufschrift „Mama“ natürlich für die Liebe zur Mutter, aber auch für besondere Bodenständigkeit.
Dolche durch Rosen – Ein Dolch, der eine Rose durchstieß, zeigte an, dass der Träger besonders loyal und kampfbereit war – er war auf Befehl sogar dazu bereit, gegen eine schöne Rose anzutreten.
Leuchttürme – Der Leuchtturm stand für Gott oder Jesus als „Licht der Welt“ und damit für einen sehr gläubigen Seemann.
Meerjungfrauen – Die schönen Mädchen mit dem Fischschwanz standen für die Liebe zum Meer.
Würfel – Wer einen Würfel eintätowiert hatte, wollte anzeigen, dass er gerne mal etwas riskierte und notfalls auch bereit war, sein Leben aufs Spiel zu setzen.
- Glücksbringer und Schutzsymbole
Hier sind wir wirklich in der Kategorie Aberglaube angekommen. Die folgenden Symbole sollten Schaden abwenden und Glück bringen, ihnen wurde magische Bedeutung nachgesagt.
Haie – Haie, die wegen ihrer Kraft bewundert und gefürchtet wurden, waren ein allgemeines Schutzsymbol.
„Hold Fast“ – Die Worte „Hold Fast“, „Halte Fest“ wurden Buchstabe für Buchstabe auf die obersten Fingerglieder tätowiert, so dass sie bei geballten Fäusten zu lesen waren. Sie sollten wie ein Zauberspruch wirken und den Träger fester zugreifen lassen – sowohl, um etwa Taue effektiver anziehen zu können, als auch, um sich selbst gut festzuhalten, also nicht über Bord zu gehen.
Kreuze – Kreuze auf den Fußsohlen sollten angeblich Haie abschrecken, wenn ein Seemann im Wasser strampelte.
Leuchttürme – Neben der religiösen Bedeutung hatten Leuchttürme auch die offensichtliche: Sie sollten den Seemann nach Hause zurückleiten.
Nautische Sterne/Kompassrosen – Der nautische Stern ist ein fünfzackiger Stern in hellen und dunklen Schattierungen, der an den Nordstern und die Kompassrose angelehnt ist. Beides sind wichtige Hilfsmittel zur Navigation, und so sollte auch die Tätowierung dafür sorgen, dass der Seemann stets seinen Weg fand.
Schwalben – Da Schwalben stets auch über weiteste Strecken den Heimweg fanden, sollte ein Schwalbentattoo die sichere Heimkehr des Trägers garantieren.
Schweine und Hühner – Die beiden Tiere traten stets zusammen auf, meist in Form eines Schweines auf dem linken Fuß oder Knie und eines Huhnes auf dem rechten Fuß. Seemännern war aufgefallen, dass die Nutztiere oft die einzigen Überlebenden von Schiffsunglücken waren und hofften, dass die Tätowierung im Falle eines Unglücks auch ihnen helfen würde (der tatsächliche Grund für die gute Überlebensquote von Schweinen und Hühnern dürfte sein, dass sie meist in leichten Holzkäfigen gehalten wurden, die schwammen).
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