„Mit einem Mal schoss der riesige Pottwal unter einem unserer Fangboote hervor; das Boot zersplitterte in tausend Teile, Männer, Harpunen und Holzplanken wurden in die Luft geschleudert, nur um Sekunden später mit lautem Klatschen im Wasser zu landen. Die Bestie riss ihr Maul auf, und Hein fiel genau in den gigantischen Schlund. Noch bevor wir begriffen hatten, was da geschehen war, schloss der Wal seine Kiefer wieder, und Hein war verschwunden.
Stunden später, nach hartem Kampf, hatten wir den teuflischen Pottwal erlegt. Doch als wir den Magen des Tieres aufschnitten, erwartete uns eine Überraschung. Etwas zerzaust, aber unverletzt, stieg Hein aus dem monströsen Kadaver. Wie einst Jona hatte er im Inneren des Wales überlebt!“
Der biblische Prophet Jona war vielleicht der Erste, der die sicherlich unvergessliche Erfahrung machte, von einem Wal verschluckt zu werden (vielleicht auch nicht – in der Bibel wird der Übeltäter als „großer Fisch“ bezeichnet; bekanntermaßen sind Wale keine Fische, sondern Säugetiere). Auch Pinocchio landet auf seinen Reisen eines Tages im Magen eines Wales. Sowohl der Prophet als auch das Püppchen entsteigen dem Bauch des Giganten am Ende unbeschadet.
Das sind vielleicht Mythen und Märchen, doch kann ein Wal tatsächlich einen Menschen verschlucken? Immer wieder schaffen es selbst in modernen Zeiten Geschichten von Walen, die Menschen verschlucken, in die Nachrichten.
So soll 1771 in der Südsee ein Pottwal ein Walfangboot zerstört und einen der Matrosen verschluckt und in die Tiefe gerissen haben. Wenig später sei der Mann zerkratzt, aber gesund wieder aufgetaucht.
Ein berühmter Fall trägt sich 1896 vor den Falklandinseln zu: Der Matrose James Bartley vom Walfangschiff Star of the East wird während des Kampfes mit einem Pottwal von Deck geschleudert und verschwindet. Als der Wal endlich erlegt ist und von Bartleys Kameraden ausgenommen wird, kriecht der Matrose lebend aus dem Magen des Tieres – rund 36 Stunden soll er im Innern des Wales überlebt haben. Noch im selben Jahr erscheint eine weitere ähnliche Geschichte in der New York Times, diesmal werden gleich zwei Männer aus einem Wal gerettet.
Auch im 21. Jahrhundert berichten einige Menschen davon, von Walen verschluckt worden zu sein. 2021 will der Hummertaucher Michael Packard vor der Küste von Provincetown im US-Bundesstaat Massachusetts von einem Buckelwal verschluckt worden sein. Das Tier habe ihn 30 bis 40 Sekunden im Maul behalten und dann ausgespuckt. Als Zeuge sagte der Sohn eines örtlichen Walexperten aus, was der Geschichte eine gewisse Glaubwürdigkeit verlieh. Trotzdem meldeten die Ärzte des örtlichen Krankenhauses Zweifel an – Packards Verletzungen würden nicht zu den geschilderten Ereignissen passen.
Kann so etwas wirklich passieren?
Keine Walspezies jagt gezielt Menschen. Große Bartenwale wie Packards Buckelwal oder zum Beispiel der Blauwal haben aber zweifellos ein ausreichend großes Maul, um einen Menschen darin verschwinden zu lassen. Nicht undenkbar, dass ein Taucher versehentlich ins Maul eines Buckelwals gerät und von dem Tier dann wieder ausgespuckt wird. Hat man eine Sauerstoffflasche dabei und vermeidet es, von der riesigen Walzunge erschlagen zu werden, dann kann man eine derartige Situation durchaus überleben. Passende Verletzungen hin oder her – Packards Geschichte ist nicht gänzlich unplausibel.
Aber wie sieht es mit den Geschichten aus, in denen jemand komplett verschluckt wird und tagelang im Magen des Wales überlebt?
Das ist bei Bartenwalen völlig undenkbar. Sie fressen schließlich nur Kleinstlebewesen wie Plankton, Krill und kleine Fische – ihr Schlund ist nur etwa faustgroß. Der einzige Wal, der in der Lage wäre, einen Menschen lebend am Stück herunterzuschlucken, ist der Pottwal. Und das wäre, wenig überraschend, für den Menschen keine angenehme Erfahrung. Nicht nur ist der Magen eines Pottwals bei weitem nicht so geräumig und gut beleuchtet, wie er in Zeichentrickfilmen wirkt, er enthält auch keinerlei Sauerstoff - stattdessen ist er reichlich mit Methan gefüllt. Der Sauerstoffmangel führt für den Verschluckten nach rund vier Minuten zu schweren Hirnschäden und bald darauf zum Hirntod. Spätestens nach etwa zehn Minuten wäre hier für einen unvorbereitet verschluckten Matrosen Ende der Fahnenstange.
Wenn unser Jona nun aber eine Sauerstoffflasche dabeihätte? Dann säße er in der finsteren Enge – und in hochätzender Magensäure, die ihn nach und nach auflösen würde. Ein langsamer, qualvoller Tod – aber keine Sorge, soweit würde es nicht kommen. Denn der Magen eines Pottwals zermalmt seinen Inhalt konstant mit gewaltigen Magenmuskeln (so zerkleinert der Wal seine Nahrung, da er nicht kauen kann), und so wäre ein verschluckter Mensch innerhalb kürzester Zeit zu einem unappetitlichen Brei verarbeitet.
Auf einen Lichtblick weisen der Journalist Cody Cassidy und der Physiker Paul Doherty in ihrem Buch Vom Wal verschluckt jedoch hin: Im Verdauungstrakt des Wals entsteht sogenannte graue Ambra, eine von der Parfümindustrie sehr begehrte Substanz. Sollten die sterblichen Überreste unseres Jona an einen Strand gespült und gefunden werden, erzielen sie zunächst einen wirklich guten Preis und werden dann zu feinsten Düften verarbeitet. Man kann sich ein schlimmeres Vermächtnis vorstellen.
FAZIT: Es ist unwahrscheinlich, aber möglich, dass ein Mensch in das Maul eines Bartenwales gerät und diese Erfahrung überlebt. Verschluckt werden kann er aber nur von einem Pottwal – und die Chance, anschließend tagelang im Magen des Meeressäugers zu überleben, ist gleich null. Die Geschichte von Jona wie wohl auch die von James Bartley sind reinstes Seemannsgarn!
Quellen: Hein, Till: Vom Wal verschluckt. In: mare No. 115, April/Mai 2016, S. 112 ff.; Cassidy, Cody und Paul Doherty: Vom Wal verschluckt. Frankfurt am Main, 2008
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