„Da hast du aber eine schöne Muschel, lütt Deern! Wenn du sie dir ans Ohr hältst, dann kannst du darin das Meer, an dem du sie gefunden hast, rauschen hören… Auch, wenn du längst wieder zu Hause bist, weit vom Meer entfernt. Und wenn du dir Muscheln von anderen Stränden der Welt besorgst, dann kannst du bald alle sieben Weltmeere hören, wann immer du willst!“
Wir alle haben als Kinder unsere Ohren an große Muschelschalen oder Meeresschnecken gehalten (obwohl im Mythos immer von Muscheln die Rede ist, geht es mit Schnecken besser) und das Rauschen gehört. Wenn unsere Eltern Romantiker waren, dann haben sie uns erzählt, dass es sich um das Rauschen des Meeres handelt. Waren sie eher ein bisschen prosaisch geartet, dann erklärten sie wahrscheinlich, dass die Muschelschale das Rauschen unseres eigenen Blutes reflektierte. Wer hat nun Recht?
Dass ein Hohlkörper wie eine Muschel- oder Schneckenschale keine Geräusche dauerhaft speichern kann, sollte eigentlich klar sein. Zudem lassen sich ähnliche Töne auch in hohlen Gegenständen hören, die nichts mit dem Meer zu tun haben – einem leeren Glas zum Beispiel. Das Meeresrauschen fällt also leider als Erklärung für das Geräusch in der Muschel weg.
Aber auch unser eigenes Blut hören wir nicht in der Muschel rauschen. Das lässt sich leicht beweisen: Legt man ein Mikrofon vor ein Schneckengehäuse, nimmt es das Rauschen auf, obwohl kein fließendes Blut in der Nähe ist.
Ist es dann vielleicht der Wind, der durch das Gehäuse zieht? Auch hier hilft ein Experiment weiter: In einem absolut windstillen Raum ist das Rauschen ebenfalls zu hören.
Aber was ist dann des Rätsels Lösung? Ganz einfach: Der Hohlraum der Muschel oder Schnecke wirkt als Resonanzkammer für die Geräusche der Umgebung. Die Schallwellen dringen von außen in den Hohlraum ein, werden darin hin- und hergeworfen und bringen auch die Luft im Inneren zum Schwingen. Manche Frequenzen werden dadurch verstärkt, andere gedämpft, und so entsteht ein ungewöhnliches Geräusch. Unser Gehirn macht dann daraus ein Meeresrauschen. Ein letztes, zugegebenermaßen nicht ganz alltagstaugliches Experiment beweist das: Hält man sich die Muschel in einem schalldichten Raum ans Ohr, dann ist nichts zu hören…
Immerhin bedeutet das: Man kann in einer Muschel tatsächlich das Meer rauschen hören – wenn man sie sich ans Ohr hält, solange man sich am Meer befindet…
FAZIT: Das Meeresrauschen in der Muschel ist Seemannsgarn, aber zumindest unter Umständen ist ein bisschen was Wahres dran. Die Behauptung, wir würden das Rauschen unseres Blutes hören, ist totaler Unfug, den sich elende Landratten ausgedacht haben.
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