Mittwoch, 14. Juni 2023

Das Monster von UB-85 - Wurde ein deutsches U-Boot von einem Seeungeheuer angegriffen?

„Im April 1918 leistete mein alter Kumpel Klaas Dienst auf dem U-Boot UB-85 unter dem Kommando von Kapitänleutnant Günther Krech. In der Nacht vom 29. auf den 30. April tauchte die UB-85 auf, um sich nach feindlichen Schiffen umzusehen. Plötzlich wurde das U-Boot erschüttert wie von einem heftigen Zusammenstoß. Die Männer auf dem Aussichtsturm sahen nach unten und erblickten ein schreckliches gehörntes Monstrum mit im Mondlicht glitzernden Zähnen, das an der Steuerbordseite des U-Bootes hinaufkletterte. Das Gewicht des Untiers zog das U-Boot nach unten, und Wasser drohte durch die offene Einstiegsluke zu laufen. Kapitänleutnant Krech befahl seinen Männern, die Bestie zu töten, und die Offiziere eröffneten das Feuer mit ihren Pistolen, doch das Wesen verbiss sich in das Deckgeschütz und ließ nicht locker. Als es nach minutenlangem Kampf endlich genug hatte und in die Tiefe zurückglitt, war die UB-85 schwer beschädigt und nicht mehr in der Lage, abzutauchen. So konnten sie nicht entkommen, als am frühen Morgen das britische Patrouillenboot Coreopsis auftauchte und die UB-85 unter Beschuss nahm. Krech und seine Männer streckten kampflos die Waffen und waren fast erleichtert, auf dem britischen Schiff in Gefangenschaft genommen zu werden…“  

Diese Geschichte wird im Internet verbreitet. Aber ist sie wahr? Wurde ein deutsches U-Boot im ersten Weltkrieg von einem Monster angegriffen? Was passierte wirklich mit UB-85?

Wahr ist zumindest das Ende der Geschichte: Es gibt keinen Zweifel daran, dass UB-85 von der Coreopsis beschädigt aufgebracht wurde und kampflos kapitulierte.

Aber: Entscheidend beschädigt wurde die UB-85 durch eine Granate von der Coreopsis. Und sich durch Abtauchen in Sicherheit bringen konnte sie aus einem peinlichen Grund nicht: Kapitänleutnant Krech hatte einen Heizkörper in der Offiziersmesse aufstellen lassen; die Kabel dafür mussten durch den Beobachtungsturm gelegt werden und verhinderten nun, dass sich die Luke zwischen dem Turm und dem Hauptteil des U-Bootes dicht verschließen ließ. Wasser lief ins Boot, und als UB-85 auftauchte, wurde es von der Coreopsis unter Feuer genommen. Mit dem Hauptgeschütz immer noch unter Wasser und schnell steigendem Pegel im Boot war Gegenwehr nicht möglich, UB-85 musste aufgegeben werden.

Der Journalist Guy Walters, der diese Geschichte für die britische Zeitung Daily Mail recherchierte, konnte keine historische Quelle auftun, die über einen Seemonsterangriff berichtete – obwohl er Zugriff auf die Aussagen diverser Crewmitglieder hatte und auch die damaligen Zeitungen durchforstete. Trotzdem spekulierte er, dass Krech selbst die Legende in Umlauf gebracht haben könnte, um von der demütigenden tatsächlichen Ursache für den Verlust von U-85 abzulenken.

Der Historiker und Meeresarchäologe Innes McCartney von der Bournemouth University kam 2016 zu einem anderen Schluss: Da die früheste Erwähnung des Vorfalls, die er finden konnte, ein Internettext von 2005 ohne Quellenangabe war, geht er von einem modernen Mythos aus.

Auch die deutsche Bundesregierung beschäftigte sich 2016 mit dem Mythos um UB-85 und das Seeungeheuer, nachdem Tobias Lindner von Bündnis 90/Die Grünen eine Anfrage bezüglich des vermeintlichen Vorfalls gestellt hatte. Sie kam zu folgendem Schluss: „Nach den vorgenommenen Recherchen im Bundesarchiv-Militärarchiv war der Verlust des in der angegebenen Referenz der Fragestellung in Rede stehenden Uboots ,UB-85‘ auf einen Wassereinbruch durch die undichte Einstiegsluke am Turm – das sogenannte ‚Turmluk‘ – zurückzuführen. Aufgrund der Manövrierunfähigkeit nach dem Wassereinbruch versenkte die Mannschaft das Boot selbst, um es nicht der herannahenden britischen Marine übergeben zu müssen.   

Die Bundesregierung verfügt darüber hinaus über keine belastbaren Erkenntnisse, die belegen könnten, dass es Verluste oder erhebliche Beschädigungen von Unterseebooten der deutschen Marinen gab, die auf Angriffe von sogenannten ‚Seeungeheuern‘ zurückzuführen waren oder sind.“

 

FAZIT:  Ob die Geschichte von dem Seeungeheuerangriff auf UB-85 tatsächlich auf Behauptungen aus dem Ersten Weltkrieg zurückgeht oder modernen Ursprungs ist, lässt sich nicht abschließend klären. So oder so handelt es sich aber um Seemannsgarn!

 

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