Zahlreiche berühmte Schiffe prägen die Vorstellung der Menschen von der Seefahrt. Legendäre Geisterschiffe, Opfer spektakulärer Schiffsuntergänge oder Schauplätze haarsträubender Abenteuer. Wie in vielen Wissensbereichen haben sich auch hier Fakt und Fantasie längst vermischt – manchmal ist es schwer auseinanderzuhalten, welche Schiffe einst tatsächlich die Weltmeere befahren haben und welche nur Gegenstand langlebiger Legenden sind. Dazu kommt heutzutage die Populärkultur: Wissen Sie, wenn sie in einem Film ein Schiff sehen, sicher, ob dieses Schiff real existiert hat, oder ob der Film eine reine Ausgeburt der Fantasie ist? Wissen Sie, welche Bücher mit Abenteuern zur See auf Tatsachen beruhen und welche nicht? Im Folgenden können Sie ihr Wissen testen: Zehn berühmte Schiffe – gab es sie wirklich oder sind sie Produkte der Fantasie?
- ARCHE NOAH
Fangen wir mal ganz am Anfang an, mit einer uralten Geschichte, die wir alle kennen: Im Buch Genesis der Bibel möchte Gott einen Neuanfang auf Erden starten und die sündige Menschheit dafür mit einer weltweiten Flut auslöschen. Nur der halbwegs gottgefällige Noah und seine Familie sollten verschont werden. Also beauftragte Gott Noah, ein riesiges Schiff aus Zedernholz zu bauen, die Arche. Die bekannte Geschichte muss hier nicht im Detail erzählt werden. Kurzgefasst: Noah bringt von jeder Tierart ein Paar an Bord (von einigen bestimmten Arten auch sieben Paare), die Flut kommt, die Arche rettet Noah, seine Familie und seine tierischen Passagiere, während der Rest der Welt ertrinkt. Nach 40 Tagen ebbt das Wasser ab, und Mensch und Tier an Bord sind in Sicherheit. Real oder fiktiv?
Fiktiv. Die Antwort, die Sie gegeben haben, hängt vermutlich davon ab, wie gläubig Sie sind. Aber von einigen extremen Bibelliteralisten abgesehen hält niemand mehr die Geschichte von der Arche Noah für wörtlich wahr – sie ist mehr als Gleichnis zu verstehen. Historische Belege für eine Sintflut gibt es nicht, für Noah oder die Arche noch weniger. Das in der Bibel beschriebene Gefährt wäre wohl auch nicht hochseetauglich gewesen… Zudem basiert der Mythos sehr offensichtlich auf älteren Geschichten – auch der babylonische Held Atrahasis/Uta-napisti überlebte eine göttliche Flut in einem selbstgebauten Schiff.
- ELDRIDGE
Während des Zweiten Weltkriegs soll die US-Marine mit einer besonderen Tarntechnologie experimentiert haben, die in der Lage sein sollte, ein Schiff praktisch unsichtbar zu machen. Doch die als Philadelphia-Experiment in die Geschichte der Grenzwissenschaft eingegangene Testreihe lief völlig aus dem Ruder. Der Geleitzerstörer USS Eldridge wurde im Oktober 1943 auf hoher See unsichtbar gemacht, angeblich mithilfe eines starken Magnetfelds. Doch als das Schiff wieder sichtbar wurde, zeigten sich katastrophale Auswirkungen auf die Besatzung. Einige Matrosen tauchten einfach nie wieder auf, andere waren mit dem Schiff verschmolzen oder zu Asche verbrannt. Manche Überlebende verloren den Verstand, andere lösten sich im Laufe ihres Lebens immer mal wieder für kurze Zeit auf, um später wieder zu erscheinen. Bei einem zweiten Versuch wurde die Eldridge im Hafen von Philadelphia unsichtbar gemacht. Dabei kam es nicht nur zu erneuten schweren Schäden an der Besatzung, sondern der Legende nach sogar zu einer Teleportation – die Eldridge soll kurzzeitig im Hafen von Norfolk erschienen sein… Real oder fiktiv?
Real… Zumindest das Schiff. Die Geschichte um das Philadelphia-Experiment ist natürlich komplett erfunden (das wird in naher Zukunft eine eigene Episode auf diesem Blog werden), aber der Navy-Begleitzerstörer USS Eldridge (DE-173) existierte tatsächlich. Er versah von 1943 bis 1946 seinen unspektakulären Dienst in der amerikanischen Marine und wurde dann an Griechenland verkauft. Dort wurde die Eldridge in Leon umgetauft und war bis 1992 im Einsatz.
- ANDREA DORIA
Im Wesentlichen ist die Andrea Doria heute über den Spruch „Alles klar auf der Andrea Doria“ bekannt, der meist auf den gleichermaßen veralteten, aber noch bekannten Spruch „Keine Panik auf der Titanic“ folgt und einem Udo-Lindenberg-Song den Titel gab. Reales Schiff oder nur im Spruch existent?
Real. Die Andrea Doria war ein italienischer Luxusliner der frühen 50er Jahre. 1956 kollidierte sie mit dem schwedischen Passagierschiff Stockholm und ging unter. 46 Menschen an Bord kamen ums Leben, die meisten davon waren bereits bei der Kollision getötet worden (die auch auf der Stockholm fünf Menschenleben kostete – das schwedische Schiff blieb aber seetüchtig). Die Andrea Doria erlangte damals vor allem Berühmtheit wegen des Streits um die Schuld an dem Unglück und wegen des im Vergleich beispielsweise zur berühmteren Titanic undisziplinierten Verhaltens der Besatzung – einige Crewmitglieder setzten sich selbst mit Rettungsbooten ab und ließen die Passagiere im Stich. Der ironische Spruch „Alles klar auf der Andrea Doria“ kam schnell auf, die Behauptung, es habe sich dabei um den letzten Funkspruch des Schiffs vor der Kollision gehandelt, ist aber unbestätigt.
- FRIDAY
Seeleute haben eine abergläubische Furcht vor dem Freitag. An einem Freitag in See zu Stechen gilt als ein schlechtes Omen. Dem wollte die britische Marine im späten 19. Jahrhundert entgegenwirken und den Matrosen die Unsinnigkeit ihres Aberglaubens vor Augen führen. So wurde ein Schiff gebaut, das an einem Freitag auf Kiel gelegt wurde, an einem Freitag vom Stapel lief, an einem Freitag auf den Namen HMS Friday getauft wurde, unter das Kommando von Kapitän James Friday gestellt wurde und an einem Freitag zu seiner ersten Reise aufbrach. Es wurde nie wieder gesehen. Real oder fiktiv?
Fiktiv. Es hat nie ein britisches Marineschiff mit dem Namen HMS Friday gegeben, die Geschichte wurde als Witz erfunden und hat vor allem im Internet Berühmtheit erlangt. Die Hintergründe werden demnächst Thema einer eigenen Episode auf diesem Blog sein.
- SEEADLER
Mitten im Ersten Weltkrieg, als längst gepanzerte Dampfschiffe in die Schlacht fuhren, machte der deutsche Kapitän Felix Graf Luckner mit dem hölzernen Dreimaster Seeadler die Weltmeere unsicher. Er kaperte zahlreiche Schiffe der Entente-Mächte, wobei nicht nur sein Schiff, sondern auch sein Verhalten anachronistisch war: Er sah den Seekrieg als fairen Kampf unter Gentlemen, achtete stets darauf, keine Todesopfer zu verursachen und behandelte Gefangene über die Maßen gut. 1917 lief die Seeadler vor dem Atoll Mopelia in der Südsee auf ein Riff und ging unter. Luckner versteckte seinen Schatz auf einer der Inseln; seine Crew wurde nach weiteren spektakulären Abenteuern vollzählig gerettet. Real oder fiktiv?
Real. Luckner war ein Meister im Spinnen von Seemannsgarn und viele seiner Abenteuer mit der Seeadler dürften übertrieben oder erfunden sein. Ob wirklich ein Schatz auf Mopelia versteckt ist, ist bis heute Gegenstand kontroversester Diskussionen. Aber daran, dass Luckner tatsächlich 1916 und 1917 mit einem Segelschiff namens Seeadler feindliche Schiffe kaperte, besteht keinerlei Zweifel.
- PINAFORE
Die HMS Pinafore, ein britisches Kriegsschiff des späten 19. Jahrhunderts, ist vor allem aus der Gilbert & Sullivan-Oper gleichen Namens bekannt, die von einer nicht standesgemäßen Romanze zwischen einem Matrosen und der Tochter des Captains handelt. Basiert die Oper auf einem realen Schiff, oder ist die Pinafore fiktiv?
Fiktiv. Es gab nie ein Marineschiff mit dem Namen Pinafore (wenig verwunderlich, der Name ist bereits satirisch – eine Pinafore ist eine Kinderschürze) und auch die Handlung der Oper ist komplett fiktiv.
- AMISTAD
Im Steven-Spielberg-Film Amistad von 1997 töten die Gefangenen auf dem gleichnamigen kubanischen Sklavenschiff die Besatzung und zwingen ihre „Besitzer“, zwei spanische Pflanzer, zurück nach Afrika zu segeln. Doch die Spanier ändern den Kurs, und nach einer wochenlangen Irrfahrt in der Karibik landet die Amistad schließlich an der Küste von Connecticut/USA. Dort kommt es zu einer Gerichtsverhandlung über den Fall, in der die Afrikaner schließlich überraschenderweise zu freien Menschen und ihre Meuterei auf der Amistad zu angebrachter Notwehr erklärt werden. Die Überlebenden werden nach Afrika gebracht. Real oder fiktiv?
Real. Der Fall Amistad hat sich 1839 tatsächlich ähnlich wie im Film ereignet!
- CAINE
Noch ein berühmtes Meutererschiff: Auf dem heruntergekommenen US-Minensucher USS Caine wird der pedantische Kapitän Philipp Queeg 1944 vom 1. Offizier Maryk seines Amtes enthoben, als er während eines Taifuns unsinnige Kommandos gibt und das Schiff in Gefahr bringt. Auch hier gibt es eine Gerichtsverhandlung, in der Maryk am Ende vom Vorwurf der Meuterei freigesprochen wird. Real oder fiktiv?
Fiktiv. Die Caine und ihre Crew existieren nur in dem Roman Die Caine war ihr Schicksal von Herman Wouk und dessen Verfilmung. Da das Buch ausgesprochen glaubwürdig wirkte und Wouk während des Krieges selbst auf einem Minensucher gedient hatte, nahmen viele Menschen einen realen Hintergrund an – der aber nicht existierte: Weder gab es eine USS Caine noch einen Fall von Meuterei in der US-Marine während des Zweiten Weltkriegs.
- THUNDER CHILD
Die HMS Thunder Child, oft fälschlich als Thunderchild bezeichnet, war ein britisches Torpedorammboot des späten 19. Jahrhunderts. Ihren populären Auftritt hat sie in H.G. Wells Roman Krieg der Welten – als die schier unbesiegbaren Kampfmaschinen der Invasoren vom Mars an der Ärmelkanal-Küste Flüchtlingsschiffe angreifen, werden sie ihrerseits von der Thunder Child attackiert. Dem Schlachtschiff gelingt es, mindestens zwei der marsianischen Dreifüße zu zerstören, bevor es selbst versenkt wird; die meisten Flüchtlingsschiffe können entkommen. Benutzte Wells in seinem Roman ein reales Schiff oder ist die Thunder Child komplett fiktiv?
Fiktiv. Es dürfte nicht überraschen, dass die Marsinvasion und damit auch der letzte Kampf der Thunder Child erfunden sind. Aber Wells schilderte das England seiner Zeit sehr realistisch und verwies auf zahlreiche reale Orte und Geschehnisse. So nehmen immer noch manche Menschen an, auch bei der Thunder Child habe es sich um ein reales Schiff gehandelt. Doch die britische Marine hatte nie ein Schiff dieses Namens, und auch ein Torpedorammboot von der beschriebenen Art gab es zum Zeitpunkt der Verfassung des Romans nicht. Bisweilen wird behauptet, das reale britische Torpedorammboot Polyphemus sei Vorbild für die Thunder Child gewesen, doch die Polyphemus war wesentlich kleiner und schwächer als das fiktive Schiff.
- BATAVIA
Die niederländische Batavia war 1629 Teil eines Konvois, der von Westfriesland nach Indonesien fuhr. Doch in einem Sturm wurde sie vom Konvoi getrennt und lief vor der Westküste Australiens auf ein Riff. Die meisten Menschen an Bord, darunter auch Frauen und Kinder, konnten sich auf einige Inseln der nahen Albrolhos-Inselgruppe retten und mithilfe geborgener Güter vom Schiff provisorisch einrichten. Der Kapitän brach mit einem Beiboot auf, um Hilfe zu holen. Doch als er vier Monate später tatsächlich mit einem Rettungsschiff zurückkehrte, traute er seinen Augen nicht: Auf den Inseln war ein Bürgerkrieg ausgebrochen, der heute an das Buch Herr der Fliegen erinnert. Der Frachtmeister Jeronimus Cornelisz hatte ein Terrorregime errichtet und hatte rund 120 Menschen, die sich ihm widersetzten, auf grausame Weise hinrichten lassen, während andere Widerständler sich auf einer der äußersten Inseln verschanzten. Der Rettungstrupp überwältigte den Diktator, richtete ihn hin und rettete die letzten rund 100 Überlebenden. Münzen vom großen Geldschatz an Bord des Schiffes tauchen bis heute immer mal wieder an der australischen Küste auf. Real oder fiktiv?
Real. Die Geschichte von der Batavia hat sich genau so zugetragen, wie sie meist erzählt wird und oben zusammengefasst ist.
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