Freitag, 16. Juni 2023

Die Monongahela und die Seeschlange - Wurde 1852 tatsächlich ein Seeungeheuer erlegt?

„Am 13. Januar 1852 wartete das amerikanische Walfangschiff Monongahela mitten im Pazifischen Ozean auf frischen Wind, als der Ausguck einen Schrei ausstieß. Etwa eine halbe Meile backbord voraus hatte er eine seltsame Kreatur ausgemacht – ein riesiges Tier, das wild um sich schlug, als ringe es mit dem Tod. Captain Charles Seabury ließ drei Fangboote zu Wasser, und die Walfänger näherten sich dem Wesen vorsichtig. Als Seabury eine Harpune in das Fleisch des Tieres stieß, tauchte ein drei Meter langer reptilienhafter Kopf aus dem Wasser auf und griff die Boote an. Zwei Boote wurden zerstört, dann tauchte das Ungeheuer ab – Seaburys Harpune, mit einem Seil mit dem Boot verbunden, immer noch im Leib. Etwa 300 Meter Tau spulten sich rasend schnell ab, dann war plötzlich Stillstand. War das Ungeheuer tot? Die Männer in Seaburys Boot retteten ihre Kameraden aus den anderen Booten aus dem Wasser, dann ruderten sie zur Monongahela zurück und befestigten das Harpunentau am Schiff.

Mittlerweile war ein zweiter Walfänger, die Rebecca Sims, hinzugekommen. Seabury berichtete deren Kapitän Samuel Gavitt von dem Kampf mit dem Ungeheuer, und man kam überein, dass beide Schiffe gemeinsam die Nacht abwarten würden, um zu sehen, ob sich am Ende des Harpunentaus noch etwas regen würde. Doch die Nacht verlief ruhig, und am nächsten Morgen ließ Seabury das Tau einholen. So zogen die Männer das tote Ungeheuer wieder an die Oberfläche. Es war länger als die 35 Meter lange Monongahela, hatte einen sieben Meter breiten, schlangenartigen Körper mit Höckern wie bei einem Stör und ohne Flossen oder Beine. Der riesige Kopf glich dem eines Alligators und hatte fast hundert zehn Zentimeter lange Zähne im Maul. Da das Tier zu groß war, um es komplett zu bergen, ließ Seabury den Kopf abschneiden und in Salzlake einlegen. Er verfasste einen detaillierten Bericht, den die auf dem Heimweg befindliche Rebecca Sims mitnehmen sollte. Die beiden Schiffe trennten sich – und das war das letzte Mal, das jemand die Monongahela sah. Der Walfänger kehrte nie in seinen Heimathafen zurück – hatte eine zweite Seeschlange Rache genommen?“   

So wird die Geschichte von der Begegnung der Monongahela mit einer Seeschlange in zahlreichen Grenzwissenschafts-Büchern und auf noch viel mehr Websites erzählt. Aber ist an der Geschichte etwas Wahres dran?

Seit ich sie das erste Mal hörte, war ich mir sicher: Nein. Die Story klingt nach astreinem Seemannsgarn. Dass das Schiff mit dem beweiskräftigen Seeschlangenkopf an Bord spurlos verschwunden ist, ist doch zu praktisch, und der Name des Kapitäns klingt bereits wie ein verschmitzter Hinweis auf die fiktive Natur des Berichts: Seabury – buried at sea, auf See bestattet. Ich war also ehrlich überrascht, als ich bei der Recherche für diese Episode schnell feststellte: So einfach ist es nicht!

Woher stammt die Geschichte von Captain Seaburys Seeschlange?

Tatsächlich ist die Ursprungsquelle der Geschichte ein Zeitungsartikel aus dem Jahr, in dem sie sich auch zugetragen haben soll: Im Februar 1852 erschien ein Bericht, den angeblich Captain Seabury persönlich verfasst hatte, in der New York Tribune. Den originalen Bericht konnte ich in den Zeitungsarchiven nicht mehr ausfindig machen, wohl aber eine Ausgabe des britischen Magazins The Zoologist aus demselben Jahr, das den Artikel aus der Tribune komplett zitiert. Er entspricht der heutzutage im Internet kursierenden Geschichte weitestgehend – mit zwei Unterschieden: Das Schiff, das den Bericht ans Festland brachte, ist hier nicht die Rebecca Sims unter Captain Samuel Gavitt, sondern die Gypsy unter Captain Sturges, und von einem Verlust der Monongahela ist nicht die Rede. Auf diese zwei Widersprüche werden wir gleich noch zu sprechen kommen; zunächst reicht es, festzuhalten, dass die Geschichte von der Monongahela-Seeschlange keine Erfindung späterer Jahre ist.

1867 kommt die Rebecca Sims ins Spiel. In seiner in jenem Jahr erschienenen Autobiographie Three Times around the World behauptet ein gewisser Alonzo D. Sampson, 1852 an Bord der Rebecca Sims unter dem Kommando von Gavitt gewesen zu sein. Die Sims sei als drittes Schiff vor Ort gewesen, als die Monongahela und die Gypsy dem Ungeheuer begegneten. Auch von der Anwesenheit des dritten Schiffes abgesehen unterscheidet sich Sampsons dramatische Geschichte deutlich von der ursprünglichen Version. Laut ihm ist die Crew der Sims genauso an der Erlegung des Ungeheuers beteiligt wie die der Monongahela – warum letztere dann den Ruhm einstreicht, wird nicht wirklich klar.

Danach gerät die Monongahela-Seeschlange lange in Vergessenheit. Doch 1954 erscheint in der Zeitschrift Ships and the Sea eine Zusammenstellung von Seaburys Brief und Sampsons Erzählung. Dort scheint sie dem Autor Frank Edwards aufgefallen zu sein. Edwards schrieb oft über rätselhafte Phänomene, und in seinem 1959 erschienenen Buch Stranger than Science gibt er eine chaotisch zusammengewürfelte Version der beiden Berichte wieder. Sowohl in der Zeitschrift als auch in Edwards Buch verschwindet die Gypsy komplett aus der Geschichte, die Rebecca Sims übernimmt ihre Rolle. Edwards Buch wurde enorm erfolgreich, mehrfach neu aufgelegt und prägte das Bild von zahlreichen mehr oder minder rätselhaften Ereignissen nachhaltig – so auch das von der Monongahela-Seeschlange; wenn die Geschichte heute erzählt wird, dann fast immer in Edwards Version.

Die Akteure – gab es die Monongahela, die Gypsy, die Rebecca Sims und ihre Captains wirklich?

Zumindest grundsätzlich ist die Erzählung von Seaburys Monster also schon seit der Zeit bekannt, zu der sie sich zugetragen hat. Nun stellt sich die Frage: Gab es die Akteure wirklich?

Tatsächlich findet sich in den Internetarchiven über Walfänger eine Monongahela, die 1850 zu einer Reise aufbrach und nie zurückkehrte. Ihr Captain hieß laut Archiv Jason Seabury. Beides wird auch vom Bericht über ihren Untergang bestätigt, den man unter anderem auf der Website Alaska Shipwreck einsehen kann. Demnach ging die Monongahela 1853 nahe der Aleuten-Inseln vor der Küste von Alaska verloren (Walfahrten dauerten damals tatsächlich mehrere Jahre und folgten den Routen der Wale von den Tropen bis in arktische Gefilde). Das erklärt auch, warum ihr Untergang im ursprünglichen Bericht keine Rolle spielt – als er erschien, war die Monongahela noch gar nicht gesunken.

Auch die Gypsy und die Rebecca Sims sind dem Walfang-Archiv bekannt. Beide waren 1852 auf See. Die Details der Ungeheuer-Geschichte scheinen also zu stimmen – auf den ersten Blick.

Ungereimtheiten und offene Fragen

 Denn bei genauerem Hinsehen finden sich zahlreiche kleine Unstimmigkeiten. Die erste ist dem aufmerksamen Leser vielleicht schon aufgefallen: Laut der Legende hieß der Kapitän der Monongahela Charles Seabury, und mit Charles Seabury ist auch der originale Brief unterschrieben. Laut Archiv hieß der Captain aber Jason Seabury – sollte Captain Seabury vor Aufregung über die Begegnung mit einem Seeungeheuer seinen Vornamen vergessen haben? Auch eine Crewliste von der letzten Fahrt des Schiffes liegt vor; im ursprünglichen Brief sind zwei Crewmitglieder namentlich erwähnt, Whittemore und Benson - beide finden sich in der Crewliste nicht wieder.

Der Kapitän der Gypsy hieß laut Archiv nicht Sturges, wie in dem Brief behauptet, sondern Thomas Mickell Jr.; auch die vereinzelt vorgeschlagene Lösung dieses Problems, Seabury habe ein Besatzungsmitglied namens Sturges irrtümlich für den Kapitän gehalten, wird durch die Crewliste widerlegt, die keinen Sturges beinhaltet. Zudem befand sich die Gypsy bis 1855 auf See, kann also den Brief zumindest nicht direkt zugestellt haben. Und nach ihrer Rückkehr nach der Monongahela  und dem Ungeheuer befragt gaben Captain und Crew der Gypsy an, dem verschollenen Schiff nie begegnet zu sein.

Die Rebecca Sims zu guter Letzt stand 1852 nicht unter dem Kommando von Samuel Gavitt, sondern unter dem von William Jernegan II. (allerdings war Gavitt ab 1853 ihr nächster Kapitän); zur Crew gehörte damals auch kein Alonzo Sampson.

Neben all diesen Ungereimtheiten gibt es noch ein Problem zu bedenken, das dem modernen Leser vielleicht zunächst entgeht: Angeblich hat die Begegnung mit dem Seeungeheuer am 13. Januar 1852 mitten im Pazifik stattgefunden (die im Brief angegebenen Koordinaten 3° 10' S, 131° 50' W sind wirklich weit entfernt von festem Land). Schon Anfang Februar soll Seaburys Brief einer Zeitungsredaktion in New York vorgelegen haben – wie soll das in Zeiten vor Luftpost und Funkgerät funktioniert haben? Ein Brief, mitten im Pazifik einem anderen Segelschiff anvertraut, wäre wochenlang unterwegs gewesen. Selbst wenn das Schiff auf schnellstmöglichem Weg die amerikanische Küste angefahren hätte, dann hätte sich der Brief auf der falschen Seite des Kontinents befunden, nämlich an der Pazifikküste – New York liegt an der Atlantikküste. Es gab damals kein vollständiges Telegraphennetz und keine den Kontinent durchquerende Bahn. Nicht einmal der Ponyexpress war 1852 im Einsatz. Ein Brief von Seabury wäre niemals so früh in New York gewesen…

Des Rätsels Lösung

Es gibt also am Ende eine einfache Erklärung für das Rätsel um Seaburys Seeschlange: Es war eine Zeitungsente! Das war damals in amerikanischen Zeitungen keinesfalls unüblich – sie waren voll von erfundenen Geschichten und Scherzen, die für eine hohe Auflage sorgten, aber meistens trotzdem bald in Vergessenheit gerieten. Der unbekannte Redakteur hinter dem Hoax hatte sich durchaus Mühe gegeben – er hatte zwei reale Schiffe für seine Geschichte gewählt, die beide noch mehrere Jahre auf See sein würden, so dass sein Schwindel nicht allzu bald auffliegen würde. Dass die Monongahela verunglücken würde (viel spricht dafür, dass sie in der Arktis im Eis eingeschlossen und schließlich zerdrückt wurde), konnte er nicht voraussehen, aber dieser Zufall machte die Geschichte unsterblich. Die Rebecca Sims schließlich hat mit der ganzen Sache gar nichts zu tun – ihre Verwicklung in den Fall erfand Alonzo Sampson Jahre später. Die Monongahela-Seeschlange hat nie existiert.

FAZIT:  Die Geschichte um die Seeschlange von der Monongahela ist eine Zeitungsente – allerdings eine nach damaligen Maßstäben gut gemachte.

Quellen: Oudemans, A.C.: The Great Sea-serpent. E.J. Brill 1892; Fritsche, Olaf: Gibt es Geisterschiffe wirklich? Rowohlt 2018; Sampson, Alonzo D.: Three Times around the World. Express Printing 1867; "Reported Capture of the Sea-Serpent," Artikel in The Zoologist: a Popular Miscellany of Natural History, Volume the Tenth, 1852. Seite. 3426-3429; http://anomalyinfo.com/Stories/1852-march-captain-seaburys-serpent; https://forums.forteana.org/index.php?threads/captain-seaburys-monster.29162/  

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