Samstag, 17. Juni 2023

Von Delfinen gerettet - Helfen die Meeressäuger wirklich Menschen in Seenot?

 

„Als der Sturm losbrach, riss es Hein und mich von Deck und wir stürzten in den mörderischen Ozean. Hein konnte überhaupt nicht schwimmen, und für ihn kam jede Hilfe zu spät. Ich sah ihn nie wieder. Selbst konnte ich mich strampelnd über Wasser halten, doch mein Seemanns-Trojer saugte sich mit Wasser voll und drohte, mich in die Tiefe zu ziehen. Da spürte ich plötzlich, wie etwas mich von unten anstieß und wieder über die Wasseroberfläche drückte. Um mich herum tauchte eine Schule Delfine auf! Sie hielten mich so lange über Wasser, bis meine Schiffskameraden mich wieder an Bord ziehen konnten. Hätte es diese selbstlosen Delfine nicht gegeben, dann würden wir uns heute nicht gegenübersitzen!“

Über Arion, einen griechischen Sänger und Poeten des 7. Jahrhunderts v.Chr., berichtet Herodot, er sei auf der Überfahrt von Sizilien von räuberischen Seeleuten gezwungen worden, über Bord zu springen. Arion bat darum, noch ein letztes Lied singen zu dürfen, und die Seemänner stimmten zu. Der betörende Gesang jedoch lockte eine Schule von Delfinen an. Als Arion nun über Bord sprang, nahm einer der Delfine den Sänger auf seinen Rücken und trug ihn bis zum Kap Tanairon, wo er gerettet wurde.

Nur eine Legende? Sachbücher über Delfine, insbesondere Kindersachbücher, enthalten oft den vagen Satz, es seien Fälle bekannt, in denen Delfine Schiffbrüchige über Wasser gehalten hätten, bis Rettung eintraf. Manchmal wird auch gleich noch eine Erklärung mitgeliefert: Die Tiere seien es gewohnt, neugeborene oder verletzte Artgenossen über Wasser zu halten und würden diesen Instinkt auch auf hilflos im Wasser treibende Menschen anwenden. Aber wieviel Wahrheit steckt in diesen Geschichten? Ist es überhaupt denkbar, dass Delfine versuchen würden, Menschen in Seenot zu helfen? Und gibt es belegbare Fälle, die über vage „Es gibt Berichte“-Anekdoten hinausgehen?

2014 wurde dem Unterwasserfotografen und Wal-Experten Ralf Kiefner diese Frage für eine Artikelserie auf der Website der Tauchzeitschrift Silent World gestellt. Kiefner konnte keinen realen Fall einer Rettung durch Delfine bestätigen, hielt eine solche aber zumindest theoretisch für denkbar; auch er berief sich dabei auf das ausgeprägte Fürsorgeverhalten, das Delfine gegenüber jungen und verletzten Artgenossen zeigen, und das auch auf Menschen anwendbar wäre.

Bei meiner Suche zu diesem Thema stieß ich immerhin auf einen konkreten Fall, der der klassischen Geschichte von der Rettung eines Ertrinkenden durch Delfine entspricht: Im August 2000 fiel der 14jährige Nichtschwimmer Davide Cece nahe dem Hafen der süditalienischen Stadt Manfredonia aus dem Boot seines Vaters. Cece drohte zu ertrinken, doch plötzlich drückte ihn etwas von unten über die Wasseroberfläche; es handelte sich um den Delfin, der seit Jahren in den Gewässern um die Stadt lebte und von den Anwohnern den Namen „Filippo“ verpasst bekommen hatte. Cece hielt sich am Rücken des Tieres fest, und Filippo brachte ihn zurück zum Boot.

Zwar sind alle übrigen derartigen Geschichten, die ich auftreiben konnte, bestenfalls fragwürdig, aber ein einziger belegter Fall wie dieser reicht ja, um festzuhalten: Ja, Delfine können ertrinkende Menschen retten, und manchmal tun sie es auch.

Darüber hinaus gibt es noch ein paar andere gut belegte Fälle, in denen Delfine auf andere Weise zur Rettung schritten. Mehrfach ist es vorgekommen, dass Rettungskräfte von Delfinen zu Menschen in Seenot geführt wurden – so etwa 2021 vor der irischen Küste, als eine Schule Delfine ein Rettungsschiff auf einen vermissten Schwimmer aufmerksam machte. Und viele Schwimmer und Taucher haben erlebt, wie sich Delfine schützend zwischen die Menschen und sich neugierig nähernde Haie stellten – so ging es etwa dem britischen Extremschwimmer Adam Walker 2014 vor Neuseeland.        

 

FAZIT:  Die meisten Geschichten über wundersame Rettungen durch Delfine dürften Seemannsgarn sein – stark übertrieben oder komplett erfunden. Aber solche Vorfälle sind nicht gänzlich ausgeschlossen und Einzelfälle sogar halbwegs gut belegt. Die alten Geschichten können also durchaus auf Tatsachen beruhen.

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