„Da waren wir also auf unserem Törn vor der Küste Portugals. Traumhaftes Wetter, kristallklares Wasser… Plötzlich taucht eine große, schwarze Rückenflosse neben unserem Boot auf. Dann noch eine, und noch eine! Ein ganzes Rudel Killerwale! Die gnadenlosen Schlächter der Meere! Bald haben die Ungeheuer uns umzingelt und beginnen, das Boot zu rammen. Immer wieder donnern ihre massigen Leiber gegen den Rumpf unserer kleinen Segeljacht. Bald tun sich erste Lecks in der Bordwand auf, Wasser leckt ins Boot. Verzweifelt versuchen wir, die Räuber mit den Rudern und Bootshaken auf Abstand zu halten, als einer der Wale Heins Ruder mit dem Maul packt und ihn ins Wasser reißt. Sofort stürzt sich die ganze Bande auf den armen Kerl, und wir müssen hilflos zusehen, wie unser Kamerad in Fetzen gerissen wird. Wieder einmal haben sich die grausamsten aller Meerestiere ein Opfer geholt…“
Der Orca oder Schwertwal ist streng genommen kein echter Wal, sondern ein sehr großer Delfin (wobei Delfine dann doch auch wieder zur Ordnung der Wale gehören). Anders als seine fröhlich lächelnden Vettern hatte er aber lange einen schlechten Ruf. Kein Wunder: Er ist mit seinen bis zu 9,8 Metern Länge und bis zu 6,6 Tonnen Gewicht eines der größten Raubtiere aller Zeiten und der absolute Spitzenjäger in seinem Ökosystem. Er frisst nicht nur Robben und Pinguine, sondern auch Haie – sogar Weiße Haie – und macht selbst vor den riesigen Blauwalen nicht halt. Und wie sieht es mit Menschen aus? Greifen Schwertwale Menschen an, können sie uns töten und fressen?
Serientäter im Meerespark
Die englischsprachige Wikipedia führt eine interessante Liste über Orca-Attacken. Die mit Abstand meisten dieser Attacken gingen von in Delfinarien gehaltenen Tieren aus. Einige Individuen sind immer wieder in solche Vorfälle verwickelt – möglicherweise die Psychopathen der Wal-Welt.
Ein Orca-Weibchen namens Kandu V griff in den 80er Jahren bei fünf verschiedenen Gelegenheiten Menschen an und ist damit einsame Rekordhalterin; Orcas mit drei Attacken auf dem Konto sind unter anderem Nootka IV (Sealand of the Pacific, 80er und 90er Jahre), Kasatka (Sea World California, 90er und 00er Jahre), Hugo (Miami Seaquarium, 70er Jahre) und Tilikum (Sealand of the Pacific/ Sea World Orlando, 80er Jahre bis 2017).
Den zweifelhaften Ruhm des ersten definitiv von Orcas getöteten Menschen kann eine junge Studentin namens Keltie Lee Byrne für sich beanspruchen. Byrne jobbte im Februar 1991 als Aushilfs-Waltrainerin im Sealand of the Pacific in British Columbia, als sie nach einer Orca-Show ausrutschte und in das Orca-Becken fiel. Der große Bulle Tilikum packte ihren Fuß und zog die junge Frau unter Wasser. Die verzweifelten Versuche ihrer Kollegen, Byrne aus dem Becken zu fischen, wurden von den anderen beiden Walen, Nootka IV und Haida II, verhindert. Erst nach zwei Stunden ließen die Wale von der Leiche der Studentin ab und sie konnte mit einem Netz geborgen werden. Sealand stellte das Ereignis als einen tragischen Unfall dar, als Todesursache Byrnes wurde Ertrinken festgestellt und schnell geriet die Angelegenheit in Vergessenheit. Auch, dass eines Morgens im Jahre 1998 in einem Orca-Becken in Sea World Orlando in Florida die Leiche des 27-jährigen Landstreichers Daniel P. Dukes gefunden wurde, tat man schnell als Unfall ab. Dukes sei nachts in den Park eingebrochen, in das Becken geklettert – um den Orca zu streicheln oder vielleicht sogar auf ihm zu reiten – und ertrunken oder erfroren. Dass Dukes Körper mit Bissspuren übersäht war, spielte keine große Rolle. Der Wal im Becken war übrigens ein alter Bekannter: Tilikum, mittlerweile von British Columbia nach Orlando umgesiedelt. 2009 starb ein Orca-Trainer im Loro Parque in Spanien: Alexis Martinez wurde von dem Walbullen Keto attackiert; sein Tod wurde als Unfall abgetan, obwohl auch Martinez‘ Körper von zahlreichen Bissspuren entstellt war. Und im Februar 2010, fast auf den Tag genau neunzehn Jahre nach Keltie Byrnes Tod, kam es zum vierten dokumentierten Todesfall durch einen Orca-Angriff. Ort des Geschehens: Erneut Sea World Orlando. Täter: Wieder Tilikum. Die erfahrene Wal-Trainerin Dawn Brancheau streichelte den Killerwal am Ende einer Show, als er sie packte (nach widersprüchlichen Zeugenaussagen entweder am Pferdeschwanz oder am linken Arm) und ins Becken riss. Brancheau wurde skalpiert, ihr Rückgrat durchtrennt und ihr Arm teilweise abgerissen und gefressen; es dauerte eine Dreiviertelstunde, bis Tilikum die sterblichen Überreste freigab. Diesmal hatte die Tragödie immerhin Folgen: Seither darf kein Trainer mehr ein Orca-Becken in den Sea-World-Parks betreten, solange sich noch ein Wal darin befindet.
Offenkundig sind Orcas also in der Lage und zumindest manchmal willens, einen Menschen zu töten. Die meisten Experten sind allerdings der Ansicht, dass die Angriffe von Walen in Gefangenschaft auf die ungewöhnliche Situation zurückzuführen waren, in der die Tiere sich befanden. Sie verbrachten ihr Leben in einem vergleichsweise winzigen Becken statt im endlosen Ozean – für die hochintelligenten Orcas sicher tödlich langweilig. Zudem wurden sie offenbar nicht immer artgerecht behandelt. Wer würde bei einem solchen Leben in Gefangenschaft wohl nicht aggressiv werden?
Gefahr in freier Wildbahn?
Uns interessiert jetzt aber: Wie sieht es in freier Wildbahn aus? Sind Geschichten von Seeleuten, die von Orcas gefressen wurden, glaubwürdig? Oft hört man: Nein, es gäbe keinen bestätigten Fall eines Angriffes durch wildlebende Orcas auf Menschen. So schreibt es zum Beispiel auch die Seefahrtsabteilung des ADAC auf ihrer Website.
Doch das ist falsch. Es gibt einige wenige bestätigte Fälle, in denen Orcas ganz klar Jagd auf einen Menschen machten. So wäre der Fotograf Herbert Ponting während der Terra-Nova-Expedition in der Antarktis 1911 beinahe einer Gruppe Schwertwale zu Opfer gefallen. Ponting stand auf einer Eisscholle, um die Tiere von nahem zu fotografieren, als diese plötzlich versuchten, die Scholle umzukippen, wie sie es bei der Jagd auf Pinguine und Robben zu tun pflegten. Ponting rettete sich mit einem Sprung auf festeren Boden. 1972 wurde der 18jährige Surfer Hans Kretschmer vor der Küste von Monterey in Kalifornien von einem Orca ins Bein gebissen, konnte sich aber retten, nachdem er das Tier mit einem Schlag auf den Kopf dazu bringen konnte, von ihm abzulassen. Die Wunde musste mit 100 Stichen genäht werden. Und 1989 wollte der Verhaltensforscher Bernd Würsig an der Küste der Valdes-Halbinsel in Argentinien Fotos von Orcas machen, die sich auf den Strand warfen, um Seelöwen zu erbeuten, als eines der Tiere auf ihn zugeschossen kam. Auch Würsig konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen. Mehr als diese drei Fälle sind nicht glaubwürdig überliefert (andere Berichte über Orca-Angriffe zeigen deutlich Verteidigungs- oder Spielverhalten und dürften nicht als Jagd auf Menschen zu interpretieren sein). Todesfälle durch wilde Orcas sind nicht bestätigt. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass es doch zu ein paar solcher Todesfälle gekommen ist – die Opfer konnten ja später nicht mehr davon berichten…
FAZIT: Angriffe von Orcas auf Menschen kommen vor, sind aber extrem selten. Bei den meisten Geschichten, die als Hörensagen kursieren, dürfte es sich um Seemannsgarn handeln.