Sonntag, 16. Juli 2023

Killerwale - Greifen Orcas Menschen an?

 

„Da waren wir also auf unserem Törn vor der Küste Portugals. Traumhaftes Wetter, kristallklares Wasser… Plötzlich taucht eine große, schwarze Rückenflosse neben unserem Boot auf. Dann noch eine, und noch eine! Ein ganzes Rudel Killerwale! Die gnadenlosen Schlächter der Meere! Bald haben die Ungeheuer uns umzingelt und beginnen, das Boot zu rammen. Immer wieder donnern ihre massigen Leiber gegen den Rumpf unserer kleinen Segeljacht. Bald tun sich erste Lecks in der Bordwand auf, Wasser leckt ins Boot. Verzweifelt versuchen wir, die Räuber mit den Rudern und Bootshaken auf Abstand zu halten, als einer der Wale Heins Ruder mit dem Maul packt und ihn ins Wasser reißt. Sofort stürzt sich die ganze Bande auf den armen Kerl, und wir müssen hilflos zusehen, wie unser Kamerad in Fetzen gerissen wird. Wieder einmal haben sich die grausamsten aller Meerestiere ein Opfer geholt…“

 

Der Orca oder Schwertwal ist streng genommen kein echter Wal, sondern ein sehr großer Delfin (wobei Delfine dann doch auch wieder zur Ordnung der Wale gehören). Anders als seine fröhlich lächelnden Vettern hatte er aber lange einen schlechten Ruf. Kein Wunder: Er ist mit seinen bis zu 9,8 Metern Länge und bis zu 6,6 Tonnen Gewicht eines der größten Raubtiere aller Zeiten und der absolute Spitzenjäger in seinem Ökosystem. Er frisst nicht nur Robben und Pinguine, sondern auch Haie – sogar Weiße Haie – und macht selbst vor den riesigen Blauwalen nicht halt. Und wie sieht es mit Menschen aus? Greifen Schwertwale Menschen an, können sie uns töten und fressen?

Serientäter im Meerespark

Die englischsprachige Wikipedia führt eine interessante Liste über Orca-Attacken. Die mit Abstand meisten dieser Attacken gingen von in Delfinarien gehaltenen Tieren aus. Einige Individuen sind immer wieder in solche Vorfälle verwickelt – möglicherweise die Psychopathen der Wal-Welt.

Ein Orca-Weibchen namens Kandu V griff in den 80er Jahren bei fünf verschiedenen Gelegenheiten Menschen an und ist damit einsame Rekordhalterin; Orcas mit drei Attacken auf dem Konto sind unter anderem Nootka IV (Sealand of the Pacific, 80er und 90er Jahre), Kasatka (Sea World California, 90er und 00er Jahre), Hugo (Miami Seaquarium, 70er Jahre) und Tilikum (Sealand of the Pacific/ Sea World Orlando, 80er Jahre bis 2017).

Den zweifelhaften Ruhm des ersten definitiv von Orcas getöteten Menschen kann eine junge Studentin namens Keltie Lee Byrne für sich beanspruchen. Byrne jobbte im Februar 1991 als Aushilfs-Waltrainerin im Sealand of the Pacific in British Columbia, als sie nach einer Orca-Show ausrutschte und in das Orca-Becken fiel. Der große Bulle Tilikum packte ihren Fuß und zog die junge Frau unter Wasser. Die verzweifelten Versuche ihrer Kollegen, Byrne aus dem Becken zu fischen, wurden von den anderen beiden Walen, Nootka IV und Haida II, verhindert. Erst nach zwei Stunden ließen die Wale von der Leiche der Studentin ab und sie konnte mit einem Netz geborgen werden. Sealand stellte das Ereignis als einen tragischen Unfall dar, als Todesursache Byrnes wurde Ertrinken festgestellt und schnell geriet die Angelegenheit in Vergessenheit. Auch, dass eines Morgens im Jahre 1998 in einem Orca-Becken in Sea World Orlando in Florida die Leiche des 27-jährigen Landstreichers Daniel P. Dukes gefunden wurde, tat man schnell als Unfall ab. Dukes sei nachts in den Park eingebrochen, in das Becken geklettert – um den Orca zu streicheln oder vielleicht sogar auf ihm zu reiten – und ertrunken oder erfroren. Dass Dukes Körper mit Bissspuren übersäht war, spielte keine große Rolle. Der Wal im Becken war übrigens ein alter Bekannter: Tilikum, mittlerweile von British Columbia nach Orlando umgesiedelt. 2009 starb ein Orca-Trainer im Loro Parque in Spanien: Alexis Martinez wurde von dem Walbullen Keto attackiert; sein Tod wurde als Unfall abgetan, obwohl auch Martinez‘ Körper von zahlreichen Bissspuren entstellt war.  Und im Februar 2010, fast auf den Tag genau neunzehn Jahre nach Keltie Byrnes Tod, kam es zum vierten dokumentierten Todesfall durch einen Orca-Angriff. Ort des Geschehens: Erneut Sea World Orlando. Täter: Wieder Tilikum. Die erfahrene Wal-Trainerin Dawn Brancheau streichelte den Killerwal am Ende einer Show, als er sie packte (nach widersprüchlichen Zeugenaussagen entweder am Pferdeschwanz oder am linken Arm) und ins Becken riss. Brancheau wurde skalpiert, ihr Rückgrat durchtrennt und ihr Arm teilweise abgerissen und gefressen; es dauerte eine Dreiviertelstunde, bis Tilikum die sterblichen Überreste freigab. Diesmal hatte die Tragödie immerhin Folgen: Seither darf kein Trainer mehr ein Orca-Becken in den Sea-World-Parks betreten, solange sich noch ein Wal darin befindet.   

Offenkundig sind Orcas also in der Lage und zumindest manchmal willens, einen Menschen zu töten. Die meisten Experten sind allerdings der Ansicht, dass die Angriffe von Walen in Gefangenschaft auf die ungewöhnliche Situation zurückzuführen waren, in der die Tiere sich befanden. Sie verbrachten ihr Leben in einem vergleichsweise winzigen Becken statt im endlosen Ozean – für die hochintelligenten Orcas sicher tödlich langweilig. Zudem wurden sie offenbar nicht immer artgerecht behandelt. Wer würde bei einem solchen Leben in Gefangenschaft wohl nicht aggressiv werden?

Gefahr in freier Wildbahn?

Uns interessiert jetzt aber: Wie sieht es in freier Wildbahn aus? Sind Geschichten von Seeleuten, die von Orcas gefressen wurden, glaubwürdig? Oft hört man: Nein, es gäbe keinen bestätigten Fall eines Angriffes durch wildlebende Orcas auf Menschen. So schreibt es zum Beispiel auch die Seefahrtsabteilung des ADAC auf ihrer Website.

Doch das ist falsch. Es gibt einige wenige bestätigte Fälle, in denen Orcas ganz klar Jagd auf einen Menschen machten. So wäre der Fotograf Herbert Ponting während der Terra-Nova-Expedition in der Antarktis 1911 beinahe einer Gruppe Schwertwale zu Opfer gefallen. Ponting stand auf einer Eisscholle, um die Tiere von nahem zu fotografieren, als diese plötzlich versuchten, die Scholle umzukippen, wie sie es bei der Jagd auf Pinguine und Robben zu tun pflegten. Ponting rettete sich mit einem Sprung auf festeren Boden. 1972 wurde der 18jährige Surfer Hans Kretschmer vor der Küste von Monterey in Kalifornien von einem Orca ins Bein gebissen, konnte sich aber retten, nachdem er das Tier mit einem Schlag auf den Kopf dazu bringen konnte, von ihm abzulassen. Die Wunde musste mit 100 Stichen genäht werden. Und 1989 wollte der Verhaltensforscher Bernd Würsig an der Küste der Valdes-Halbinsel in Argentinien Fotos von Orcas machen, die sich auf den Strand warfen, um Seelöwen zu erbeuten, als eines der Tiere auf ihn zugeschossen kam. Auch Würsig konnte sich gerade noch in Sicherheit bringen. Mehr als diese drei Fälle sind nicht glaubwürdig überliefert (andere Berichte über Orca-Angriffe zeigen deutlich Verteidigungs- oder Spielverhalten und dürften nicht als Jagd auf Menschen zu interpretieren sein). Todesfälle durch wilde Orcas sind nicht bestätigt. Natürlich ist nicht auszuschließen, dass es doch zu ein paar solcher Todesfälle gekommen ist – die Opfer konnten ja später nicht mehr davon berichten…

FAZIT: Angriffe von Orcas auf Menschen kommen vor, sind aber extrem selten. Bei den meisten Geschichten, die als Hörensagen kursieren, dürfte es sich um Seemannsgarn handeln. 

Sonntag, 9. Juli 2023

Der unsinkbare Hugh Williams

„Es gibt da einen merkwürdigen Zusammenhang zwischen Schiffsunglücken am 5. Dezember und dem Namen Hugh Williams: Am 5. Dezember 1664 sank ein Schiff in der Menai-Straße vor der walisischen Küste. Nur ein Mann überlebte, ein gewisser Hugh Williams. Am 5. Dezember 1785 verunglückte wieder ein Schiff, an exakt der gleichen Stelle. Und wieder überlebte nur ein Mann – er hieß Hugh Williams. Die Geschichte wiederholte sich noch ein drittes Mal: Am 5. Dezember 1820 sank wieder ein Schiff an der gleichen Stelle. Der Name des einzigen Überlebenden: Hugh Williams!“

Diese kleine Geschichte hat es zu einem Internetmeme gebracht und kursiert als „Der größte Zufall aller Zeiten“ auf YouTube und in den sozialen Medien. Wie so oft in diesen Fällen werden keine soliden Quellen genannt; auch Details unterscheiden sich immer mal wieder – statt der Menai-Straße ist manchmal die Dover-Straße im Ärmelkanal Ort der Unglücke; der dritte Untergang findet manchmal im Jahre 1866 statt 1820 statt. Einig sind sich aber die meisten Nacherzählungen: Hugh Williams ist der sicherste Name, den man auf einem Schiff haben kann. Was ist davon zu halten?

Wie groß ist der Zufall wirklich?

Die erste Frage, die sich stellt: Wäre es wirklich ein so großer Zufall, wenn dreimal ein Hugh Williams einen Schiffsuntergang in der Menai-Straße überlebt?

Die Menai-Straße ist die Meerenge, die die Insel Anglesay vom walisischen Festland trennt; sie ist etwa 25 Kilometer lang und bis zu 1100 Meter breit. Heute wird sie von zwei Brücken überquert, früher mussten Reisende nach oder von Anglesay jedoch die Fähre benutzen. Aufgrund der besonderen Gezeitensituation in der Menai-Straße war das sehr gefährlich. Es gibt täglich vier Gezeitenwechsel mit sehr starken Strömungen aus verschiedenen Richtungen. Insbesondere eine Region zwischen den beiden Brücken, als Swellies oder Swillies bekannt, gilt als besonders gefährlich – dort befinden sich zahlreiche Felsen knapp unter der Wasseroberfläche, die bei Ebbe nicht nur selbst zur Gefahr für Schiffe werden, sondern auch noch Strudel verursachen, welche zumindest kleinere Boote gefährden können. Schätzungsweise rund 300 Schiffe sind in der Menai-Straße verunglückt, auch die Fähre hat es öfter getroffen – was fast immer mit hohen Verlusten an Menschenleben verbunden war.

„Williams“ ist der dritthäufigste Nachname in Wales, 2014 hießen 110.404 Waliser so. Der Vorname „Hugh“ ist ebenfalls seit jeher sehr populär; im 19. Jahrhundert landete er um den 40. Platz der beliebtesten Vornamen in Wales und England. Es dürfte also zur Zeit der Fährenunglücke recht viele Menschen mit dem Namen Hugh Williams in Wales gegeben haben.  

Das erhöht die Wahrscheinlichkeit der Situation „Fähre geht in der Menai-Straße unter, der Überlebende heißt Hugh Williams“ deutlich.

Trotzdem muss noch eine andere Frage geklärt werden: Stimmt die Geschichte so, wie sie erzählt wird, überhaupt?

Gab es die drei Hugh Williams‘ überhaupt?

Werfen wir einmal einen Blick auf den Katalog der Fähren-Unglücke in der Menai-Street:

Das erste Unglück, bei dem nur ein Hugh Williams überlebte (und das erste überlieferte Fährenunglück dort überhaupt), soll sich am fünften Dezember 1664 zugetragen haben. Doch dieses Unglück ist nicht sicher belegt, es existiert nur in der lokalen Überlieferung und enthält einige fragwürdige Elemente, die eher zu einer Volkssage passen. So soll die Fähre unter anderem aus Holz gebaut worden sein, dass aus einer nahen Abtei gestohlen wurde – der Untergang also göttliche Strafe. Weder ein genaues Datum noch ein Name für den einzigen Überlebenden sind in der tradierten Version überliefert.

Wesentlich besser belegt ist hingegen das Unglück vom 5. Dezember 1785. Die Fähre lief damals auf halber Strecke zwischen Caernarvon und Anglesay auf einen Felsen und sank. Tatsächlich gab es nur einen Überlebenden, der auch nachweislich tatsächlich Hugh Williams hieß. Dieser Teil der Geschichte ist also definitiv korrekt.

Das dritte Unglück soll sich am fünften Dezember 1820 oder 1866 zugetragen haben. Tatsächlich gab es 1820 ein weiteres Fährunglück in der Menai-Street (1866 dagegen nicht). Und tatsächlich ist auch für dieses Unglück überliefert, dass der einzige Überlebende Hugh Williams hieß. Allerdings ist das Datum offenbar falsch: Der erste Zeitungsbericht über den Vorfall stammt vom 11. August 1820, er kann sich also nicht am 5. Dezember zugetragen haben. Und: Es handelte sich um eine andere Fähre als in den ersten beiden Fällen – 1664 und 1785 verunglückte die Abermenai Ferry, 1820 die Menai Ferry. Die Reiseroute unterschied sich also deutlich, die Unglücke fanden nicht exakt am selben Ort statt.

Was bleibt also? In einem Zeitraum von 150 Jahren, in dem es hunderte Unglücke gab, überlebten zweimal Männer mit demselben, sehr häufigen Namen. Das ist ein Zufall zum Schmunzeln, aber kein unfassbares Wunder.    

Noch mehr Hugh Williams

Manche Quellen nennen noch weitere Vorfälle, die scheinbar das Hugh-Williams-Wunder noch größer machen. So soll 1820 auf der Themse ein Picknickboot gekentert sein – der einzige Überlebende hieß Hugh Williams. Und 1940 lief ein britischer Trawler auf eine Seemine. Nur zwei Menschen überlebten, Onkel und Neffe – beide hießen Hugh Williams.

Zu beiden Geschichten konnte ich keine Bestätigung finden. Die großen Kataloge über Schiffsuntergänge verzeichnen 1940 kein versenktes Schiff, auf dem ein Hugh Williams überlebte (geschweige denn zwei). Ich konnte nur ein Schiff entdecken, auf dem ein Hugh Williams ums Leben kam – das als Truppentransporter genutzte Passagierschiff SS Scotia sank am 1. Juni 1940 bei einem Luftangriff. Dabei kamen rund 300 Soldaten und 33 Crewmitglieder ums Leben – zu letzteren gehörte der Heizer Hugh Williams (übrigens eins von acht Crewmitgliedern mit dem Namen Williams und eins von vier Crewmitgliedern mit dem Namen Hugh – falls noch Zweifel an der Häufigkeit dieser Namen bestanden haben sollte).

Und die Details des vermeintlichen Unglücks auf der Themse entsprechen sehr genau dem Fährunglück von 1820 – auch dabei handelte es sich um einen Picknickausflug, auch die Fähre kenterte, sogar das Datum, das für diesen Vorfall oft angegeben wird, ist das gleiche: Der 5. August 1820. Es dürfte sich dabei also um irgendeine Form der Verwechslung handeln.

Zudem darf die Frage gestellt werden: Selbst, wenn diese Geschichten der Wahrheit entsprächen – kann man dann noch von großem Zufall sprechen? Alle Schiffsunglücke weltweit zwischen 1664 und 1940 – es dürften zigtausende gewesen sein – und darunter maximal fünf Fälle, in denen die einzigen Überlebenden Hugh Williams hießen? Das ist dann schon nichts Besonderes mehr…

  

FAZIT:  Zwei Fälle, in denen ein Hugh Williams der einzige Überlebende eines Unglücks in der Menai-Straße war, sind klar nachweisbar – alle darüberhinausgehenden Zufälle (ein dritter Hugh Williams; das identische Datum; der exakt identische Ort des Unglücks; weitere Unglücke an anderen Orten) sind aber erfunden oder zumindest nur sehr fragwürdig belegt. Aufgrund der vielen Unglücke in der Menai-Straße und der Häufigkeit des Namens Hugh Williams haben wir hier einen Zufall vorliegen, der zwar durchaus bemerkenswert ist, aber nicht völlig unglaublich.  

Quellen: Breverton, Terry: Brevertons Phantasmagoria. Quercus 2011; https://www.wrecksite.eu; https://en.wikipedia.org/wiki/Menai_Strait;  https://www.oldsaltblog.com/2012/07/the-unsinkable-hugh-williams-truth-behind-the-legend/; https://www.inyourarea.co.uk/news/the-unsinkable-hugh-williams-a-true-story/;  https://www.aap.com.au/factcheck/tale-of-the-unsinkable-hugh-williams-a-little-too-good-to-be-true/

 

Sonntag, 2. Juli 2023

Die Odyssee der Mermaid-Überlebenden - Erlebte die Besatzung der Mermaid fünf Schiffbrüche in Folge?

„Im Jahr 1829 geriet der Schoner Mermaid vor der Ostküste Australiens in einen Sturm und wurde auf ein Riff geworfen. Bevor er versank, konnten die Menschen an Bord sich auf eine Sandbank retten. Dort wurden sie einige Tage später von dem Dreimaster Swiftsure aufgelesen. Doch die vermeintliche Rettung erwies sich als trügerisch: Die Swiftsure lief wenig später ebenfalls auf ein Riff und sank. Alle Menschen an Bord wurden von einem weiteren Segler, der Governor Ready, gerettet. Nur wenige Stunden später brach an Bord der Ready ein Feuer aus, und die Menschen an Bord mussten in die Rettungsboote umsteigen. Diese wurden kurz darauf von der Comet gesichtet und eingesammelt. Doch die Comet ging in einem Orkan unter; wieder mussten sich die Passagiere und Besatzungsmitglieder in die Boote und auf Flöße retten. Wenig später wurden sie von dem Segler Jupiter an Bord genommen, der – man ahnt es schon – ebenfalls auf ein Riff lief und sank. Abermals wurden alle Menschen an Bord gerettet, diesmal von einem Dampfschiff namens City of Leeds, und dem gelang es endlich, die Überlebenden ans sichere Festland zu bringen – fünf Schiffsuntergänge in Folge, und nicht ein einziges Menschenleben war verloren worden!“

So wird die Geschichte der Mermaid erzählt, und selbst in vielen ernstgemeinten Artikeln, z.B. über die Entdeckung ihres Wracks im Jahre 2009, ist der fünffache Schiffbruch als Fakt vermerkt. Aber stimmt das auch? Überlebten Besatzung und Passagiere der Mermaid fünf Schiffbrüche nacheinander? 

Die Zeitlinie geht nicht auf

Forscht man nach Schiffsunglücken des Jahres 1829, stößt man tatsächlich auf viele Schiffsnamen, die in dieser Erzählung eine Rolle spielen. Dass die Mermaid, die Swiftsure, die Comet und die Governor Ready tatsächlich alle im Jahre 1829 in australischen Gewässern untergingen, ist zweifelsfrei belegt.

Aber bedeutet das auch, dass die fantastische Geschichte von den immer wieder untergehenden Menschen von der Mermaid wahr ist? Eher nicht. Denn die Reihenfolge der Ereignisse geht nicht auf.

Die wahre Geschichte beginnt am 6. Mai 1829. An diesem Tag läuft die Comet in der Torres-Straße zwischen Nordaustralien und Neuguinea auf ein Riff und geht unter. Die Crew kann sich in die Boote retten und segelt in Richtung der Murray-Insel, wo sie von der Fairfield aufgenommen wird.

Die klassische Erzählung bricht also schon an dieser Stelle auseinander – die Comet hätte erst das vierte verunglückte Schiff sein sollen, mit den Überlebenden der Mermaid, der Swiftsure und der Governor Ready an Bord. Und die Seeleute hätten von der Jupiter gerettet werden sollen, nicht von der Fairfield.

Aber sehen wir uns den Ablauf weiter an. Jetzt kommt nämlich tatsächlich die Jupiter ins Spiel – in der Legende das fünfte Schiff, das untergeht, in Wahrheit das einzige der genannten Schiffe, das das Jahr 1829 übersteht. Die Fairfield trifft am 14. Mai auf die Jupiter; man tauscht kurz Informationen aus und erfährt, dass die Jupiter kurz zuvor auf ein Riff gelaufen ist, aber seetüchtig blieb und nun auf dem Weg nach Kalkutta ist, um Reparaturen durchführen zu lassen. Damit endet die Beteiligung der Comet, der Fairfield und der Jupiter an der ganzen Geschichte. Erstere ist gesunken, aber die gesamte Crew gerettet, die anderen beiden erreichen ohne weitere Zwischenfälle ihre Zielhäfen.

Am 18. Mai 1829 ist dann die Governor Ready an der Reihe. Auch sie läuft in der Torres-Straße auf ein Riff und geht unter. Die Besatzung begibt sich in die Boote; am 2. Juni werden diese bei der Insel Timor von einem Schiff namens Amity aufgelesen, das unterwegs nach Raffles Bay im Nordosten Australiens ist – um sich dort mit der Mermaid zu treffen, die damit ihren ersten kleinen Auftritt in dieser Geschichte hat.

Am 13. Juni 1829 ist es endlich so weit: Die Mermaid läuft im Seegebiet um das Great Barrier Reef auf ein Riff und geht unter. Die gesamte Crew kann sich retten. Wir halten fest: Zu diesem Zeitpunkt sind zwei der vermeintlichen Rettungsschiffe, die Comet und die Governor Ready, schon längst selbst gesunken. Ein weiteres, die Jupiter, hat die australischen Gewässer bereits vor einem Monat verlassen. Wer nimmt nun aber die Crew der Mermaid auf? Es ist – die Swiftsure.

Und damit kommen wir zum wahren Kern der Legende. Der Erzählung nach ist die Swiftsure das erste Schiff, das die Seeleute von der Mermaid aufnimmt und geht wenig später selbst unter.

Und dieser Teil der Geschichte stimmt tatsächlich: Am 4. Juli 1829 geht die Swiftsure in der Torres-Straße unter – mit den Überlebenden der Mermaid an Bord. Und erneut sind keine Verluste an Menschenleben zu beklagen. Die Besatzungen beider Schiffe werden von der Resource gerettet und ohne weitere Zwischenfälle nach Raffles Bay gebracht – wo die Amity immer noch vergeblich auf die Ankunft der Mermaid wartet, wie man dem Reisebericht des Schiffsarztes der Governor Ready (siehe Quellenverzeichnis) entnehmen kann.

Tatsächlich hat die Crew der Mermaid also nicht fünf, sondern „nur“ zwei Schiffsunglücke überstanden.

Legendenbildung

Wie aber kommt es nun zu dem Mythos von den fünf Unglücken in Folge? Nun, schon die bescheidenere Wahrheit – dass die Crew der Mermaid zwei Schiffsunglücke auf einer Reise überstand – war sicherlich eine gute Geschichte, die sich schnell verbreitete. Und wie das mit Anekdoten von der See so ist: Mit jedem Mal, dass sie erzählt werden, werden sie spektakulärer…

Es gibt aber auch einen möglichen banalen Grund dafür, dass die nicht zusammenhängenden Unglücke in einen Topf geworfen wurden: In den ersten Zeitungsberichten, etwa in The Australian vom 25.11.1829 oder in der Colonial Times vom 30.10.1829,  werden alle Schiffsunglücke, die sich zu dieser Zeit in den australischen Gewässern zugetragen haben, aufgezählt; alle Schiffsnamen, die es in die Legende geschafft haben, sind hier zu finden – mit Ausnahme des angeblichen finalen Rettungsschiffes, der City of Leeds. Möglicherweise haben sich die einzelnen Fälle in der Erinnerung der Zeitungsleser ganz einfach vermischt. Wie die City of Leeds Teil der Erzählung wurde, bleibt allerdings ein Rätsel – ich konnte nicht einmal einen Hinweis auf die Existenz eines Schiffes dieses Namens zur passenden Zeit finden…

Übersinnlicher Epilog

Zu bemerken wäre jetzt nur noch eins: In dem Buch, in dem ich die Legende von den fünf Schiffbrüchen das erste Mal las (als Fakt, versteht sich), „Das Jahrhundert der Mysterien und Wunder“ von Hartwig Hausdorf, gibt es noch ein übernatürliches Nachspiel zu der ganzen Geschichte, die den vermeintlichen Vorkommnissen den Anstrich eines höheren Sinns verleihen soll…

Laut Hausdorf habe sich an Bord der City of Leeds eine kranke alte Dame befunden. Diese habe im Delirium nach ihrem Sohn verlangt, der vor Jahren in Australien verschollen war. Um der Dame ihre vermeintlichen letzten Stunden zu erleichtern, suchte der Schiffsarzt nach jemandem, der sich als der verschollene Sohn ausgeben konnte. Er fand auch tatsächlich einen jungen Mann, der der Beschreibung des Sohnes nahekam und sich bereit erklärte mitzuspielen – ein Crewmitglied der Mermaid. Als der Arzt ihm jedoch den Namen der alten Frau nannte, erbleichte der Mann – er war tatsächlich der verlorene Sohn, die alte Frau seine wirkliche Mutter! Mit ihrem Sohn endlich wiedervereint erholte sich die Dame schnell. Hatte eine höhere Macht eingegriffen, um Mutter und Sohn über viele Umwege wieder zusammenzubringen?

Woher dieser Teil der Geschichte stammt, konnte ich nicht herausfinden. Hausdorf gibt keine Quelle an, und keine andere Version, die ich finden konnte, enthält diese Story. Da die fünf Schiffsunglücke in Wirklichkeit nicht zusammenhingen und die City of Leeds nichts mit all dem zu tun hat, dürfte sie jedoch frei erfunden sein.  

 

FAZIT:  Es scheint gesichert, dass die Seeleute der Mermaid zwei Schiffbrüche in Folge überlebten – den der Mermaid selbst und den der Swiftsure. Alles, was darüber hinausgeht, passt aber nicht so recht zusammen und dürfte komplett erfunden sein oder auf einer Fehldeutung des ältesten Zeitungsberichts beruhen. Seemannsgarn – aber zwei Schiffbrüche ohne Opfer zu überstehen ist doch auch schon eine gute Geschichte, oder?

Quellen: Hausdorf, Hartwig: Das Jahrhundert der Mysterien und Wunder. Knaur 2011; Wilson, Thomas Braidwood: Narrative of a Journey around the World. Sherwood, Gilbert & Piper 1835;  https://the-family-mess.com/2021/07/07/the-tale-of-captain-samuel/; https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_shipwrecks_in_1829

 

Ganz weit draußen: Was sind die "Hochsee" und das "offene Meer"?

„Respekt, du Landratte! Deinen ersten Sturm auf See hast du gut überstanden. Aber du warst natürlich noch nah dran an der rettenden Küste. A...