„Es gibt da einen merkwürdigen Zusammenhang zwischen Schiffsunglücken am 5. Dezember und dem Namen Hugh Williams: Am 5. Dezember 1664 sank ein Schiff in der Menai-Straße vor der walisischen Küste. Nur ein Mann überlebte, ein gewisser Hugh Williams. Am 5. Dezember 1785 verunglückte wieder ein Schiff, an exakt der gleichen Stelle. Und wieder überlebte nur ein Mann – er hieß Hugh Williams. Die Geschichte wiederholte sich noch ein drittes Mal: Am 5. Dezember 1820 sank wieder ein Schiff an der gleichen Stelle. Der Name des einzigen Überlebenden: Hugh Williams!“
Diese kleine Geschichte hat es zu einem Internetmeme gebracht und kursiert als „Der größte Zufall aller Zeiten“ auf YouTube und in den sozialen Medien. Wie so oft in diesen Fällen werden keine soliden Quellen genannt; auch Details unterscheiden sich immer mal wieder – statt der Menai-Straße ist manchmal die Dover-Straße im Ärmelkanal Ort der Unglücke; der dritte Untergang findet manchmal im Jahre 1866 statt 1820 statt. Einig sind sich aber die meisten Nacherzählungen: Hugh Williams ist der sicherste Name, den man auf einem Schiff haben kann. Was ist davon zu halten?
Wie groß ist der Zufall wirklich?
Die erste Frage, die sich stellt: Wäre es wirklich ein so großer Zufall, wenn dreimal ein Hugh Williams einen Schiffsuntergang in der Menai-Straße überlebt?
Die Menai-Straße ist die Meerenge, die die Insel Anglesay vom walisischen Festland trennt; sie ist etwa 25 Kilometer lang und bis zu 1100 Meter breit. Heute wird sie von zwei Brücken überquert, früher mussten Reisende nach oder von Anglesay jedoch die Fähre benutzen. Aufgrund der besonderen Gezeitensituation in der Menai-Straße war das sehr gefährlich. Es gibt täglich vier Gezeitenwechsel mit sehr starken Strömungen aus verschiedenen Richtungen. Insbesondere eine Region zwischen den beiden Brücken, als Swellies oder Swillies bekannt, gilt als besonders gefährlich – dort befinden sich zahlreiche Felsen knapp unter der Wasseroberfläche, die bei Ebbe nicht nur selbst zur Gefahr für Schiffe werden, sondern auch noch Strudel verursachen, welche zumindest kleinere Boote gefährden können. Schätzungsweise rund 300 Schiffe sind in der Menai-Straße verunglückt, auch die Fähre hat es öfter getroffen – was fast immer mit hohen Verlusten an Menschenleben verbunden war.
„Williams“ ist der dritthäufigste Nachname in Wales, 2014 hießen 110.404 Waliser so. Der Vorname „Hugh“ ist ebenfalls seit jeher sehr populär; im 19. Jahrhundert landete er um den 40. Platz der beliebtesten Vornamen in Wales und England. Es dürfte also zur Zeit der Fährenunglücke recht viele Menschen mit dem Namen Hugh Williams in Wales gegeben haben.
Das erhöht die Wahrscheinlichkeit der Situation „Fähre geht in der Menai-Straße unter, der Überlebende heißt Hugh Williams“ deutlich.
Trotzdem muss noch eine andere Frage geklärt werden: Stimmt die Geschichte so, wie sie erzählt wird, überhaupt?
Gab es die drei Hugh Williams‘ überhaupt?
Werfen wir einmal einen Blick auf den Katalog der Fähren-Unglücke in der Menai-Street:
Das erste Unglück, bei dem nur ein Hugh Williams überlebte (und das erste überlieferte Fährenunglück dort überhaupt), soll sich am fünften Dezember 1664 zugetragen haben. Doch dieses Unglück ist nicht sicher belegt, es existiert nur in der lokalen Überlieferung und enthält einige fragwürdige Elemente, die eher zu einer Volkssage passen. So soll die Fähre unter anderem aus Holz gebaut worden sein, dass aus einer nahen Abtei gestohlen wurde – der Untergang also göttliche Strafe. Weder ein genaues Datum noch ein Name für den einzigen Überlebenden sind in der tradierten Version überliefert.
Wesentlich besser belegt ist hingegen das Unglück vom 5. Dezember 1785. Die Fähre lief damals auf halber Strecke zwischen Caernarvon und Anglesay auf einen Felsen und sank. Tatsächlich gab es nur einen Überlebenden, der auch nachweislich tatsächlich Hugh Williams hieß. Dieser Teil der Geschichte ist also definitiv korrekt.
Das dritte Unglück soll sich am fünften Dezember 1820 oder 1866 zugetragen haben. Tatsächlich gab es 1820 ein weiteres Fährunglück in der Menai-Street (1866 dagegen nicht). Und tatsächlich ist auch für dieses Unglück überliefert, dass der einzige Überlebende Hugh Williams hieß. Allerdings ist das Datum offenbar falsch: Der erste Zeitungsbericht über den Vorfall stammt vom 11. August 1820, er kann sich also nicht am 5. Dezember zugetragen haben. Und: Es handelte sich um eine andere Fähre als in den ersten beiden Fällen – 1664 und 1785 verunglückte die Abermenai Ferry, 1820 die Menai Ferry. Die Reiseroute unterschied sich also deutlich, die Unglücke fanden nicht exakt am selben Ort statt.
Was bleibt also? In einem Zeitraum von 150 Jahren, in dem es hunderte Unglücke gab, überlebten zweimal Männer mit demselben, sehr häufigen Namen. Das ist ein Zufall zum Schmunzeln, aber kein unfassbares Wunder.
Noch mehr Hugh Williams
Manche Quellen nennen noch weitere Vorfälle, die scheinbar das Hugh-Williams-Wunder noch größer machen. So soll 1820 auf der Themse ein Picknickboot gekentert sein – der einzige Überlebende hieß Hugh Williams. Und 1940 lief ein britischer Trawler auf eine Seemine. Nur zwei Menschen überlebten, Onkel und Neffe – beide hießen Hugh Williams.
Zu beiden Geschichten konnte ich keine Bestätigung finden. Die großen Kataloge über Schiffsuntergänge verzeichnen 1940 kein versenktes Schiff, auf dem ein Hugh Williams überlebte (geschweige denn zwei). Ich konnte nur ein Schiff entdecken, auf dem ein Hugh Williams ums Leben kam – das als Truppentransporter genutzte Passagierschiff SS Scotia sank am 1. Juni 1940 bei einem Luftangriff. Dabei kamen rund 300 Soldaten und 33 Crewmitglieder ums Leben – zu letzteren gehörte der Heizer Hugh Williams (übrigens eins von acht Crewmitgliedern mit dem Namen Williams und eins von vier Crewmitgliedern mit dem Namen Hugh – falls noch Zweifel an der Häufigkeit dieser Namen bestanden haben sollte).
Und die Details des vermeintlichen Unglücks auf der Themse entsprechen sehr genau dem Fährunglück von 1820 – auch dabei handelte es sich um einen Picknickausflug, auch die Fähre kenterte, sogar das Datum, das für diesen Vorfall oft angegeben wird, ist das gleiche: Der 5. August 1820. Es dürfte sich dabei also um irgendeine Form der Verwechslung handeln.
Zudem darf die Frage gestellt werden: Selbst, wenn diese Geschichten der Wahrheit entsprächen – kann man dann noch von großem Zufall sprechen? Alle Schiffsunglücke weltweit zwischen 1664 und 1940 – es dürften zigtausende gewesen sein – und darunter maximal fünf Fälle, in denen die einzigen Überlebenden Hugh Williams hießen? Das ist dann schon nichts Besonderes mehr…
FAZIT: Zwei Fälle, in denen ein Hugh Williams der einzige Überlebende eines Unglücks in der Menai-Straße war, sind klar nachweisbar – alle darüberhinausgehenden Zufälle (ein dritter Hugh Williams; das identische Datum; der exakt identische Ort des Unglücks; weitere Unglücke an anderen Orten) sind aber erfunden oder zumindest nur sehr fragwürdig belegt. Aufgrund der vielen Unglücke in der Menai-Straße und der Häufigkeit des Namens Hugh Williams haben wir hier einen Zufall vorliegen, der zwar durchaus bemerkenswert ist, aber nicht völlig unglaublich.
Quellen: Breverton, Terry: Brevertons Phantasmagoria. Quercus 2011; https://www.wrecksite.eu; https://en.wikipedia.org/wiki/Menai_Strait; https://www.oldsaltblog.com/2012/07/the-unsinkable-hugh-williams-truth-behind-the-legend/; https://www.inyourarea.co.uk/news/the-unsinkable-hugh-williams-a-true-story/; https://www.aap.com.au/factcheck/tale-of-the-unsinkable-hugh-williams-a-little-too-good-to-be-true/
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