Mittwoch, 28. Juni 2023

Titanic-Mythen 2: War die Titanic verflucht?

 In den letzten Wochen hat es die Titanic wieder vermehrt in die Medien geschafft – jener legendäre Luxusliner, der 1912 im Nordatlantik mit einem Eisberg kollidierte und versank, obwohl er für praktisch unsinkbar gehalten worden war. Zunächst wegen dem 111. Jahrestag des Unglücks, dann wegen der neuen, hochauflösenden Fotos vom Wrack und schließlich wegen des verunglückten Tauchboots auf dem Weg zum Wrack. Und wird die Titanic erwähnt, dann werden unzählige Mythen und Legenden über jene schicksalhafte Nacht wieder hervorgekramt. Was ist wahr und was ist falsch? Dem widmet Mythen der Meere sich in einer dreiteiligen Miniserie.

„Dass die Titanic sinken würde, war doch zu erwarten: Sie war verflucht! Ihre Registrierungsnummer ergab, auf dem Kopf gelesen, die Worte ‚Kein Papst‘ -  das sagt doch schon alles! Und sie hatte eine verfluchte Mumie an Bord, die all ihre Besitzer ins Unglück stürzte! Nein, nein… Dieses Schiff hätte niemals in See stechen dürfen.“

Es liegt in der Natur des Menschen, für bemerkenswerte Ereignisse den einen, wahren Grund zu suchen. Bei Unglücken wie dem Untergang der Titanic landen viele Leute da schnell bei den Verschwörungstheorien – das Schiff wurde absichtlich versenkt! Das haben wir in diesem Blog allerdings bereits widerlegt. Was bleibt dann noch?

Ein Fluch! Irgendein Fehlverhalten, ein Tabubruch etc. beschwor das Unglück herauf! Es kursieren unzählige Varianten der Geschichte, die Eigner der Titanic hätten einen Fluch provoziert – sei es durch die vollmundigen Ankündigungen, das Schiff sei unsinkbar oder gar durch eine gotteslästerliche Registrierungsnummer. Alternativ könnte auch eine Einzelperson das Schiff verflucht haben – etwa ein beim Bau verunglückter Arbeiter. Oder ein Unglücksbringer befand sich an Bord, ein verfluchtes Objekt.

Solche anekdotenhaften Geschichten sind meist schwer zu überprüfen, aber gerade für zwei der berühmtesten gilt das nicht – und darum wollen wir sie uns hier einmal genauer ansehen.

  1. Die Registrierungsnummer der Titanic konnte als „Kein Papst“ gelesen werden

Die Werftarbeiter im nordirischen Belfast, wo die Titanic auf der Werft von Harland & Wolff konstruiert wurde, sollen entsetzt gewesen sein: Als die ersten Teile mit eingestanzter Registrierungsnummer bei ihnen eintrafen, konnten sie ganz klar lesen „NO POPE“ – Kein Papst! Denn die Nummer lautete 3909 04, was gespiegelt diese lästerliche Botschaft ergab. Manche Arbeiter kündigten daraufhin, ja es gab fast einen Aufstand an der Werft. Und allen Beteiligten war klar: Dieses Schiff hatte kein glückliches Schicksal zu erwarten.

Diese Erzählung ist weit verbreitet und schafft es bisweilen sogar in Sachbücher zum Thema – meist nicht, um einen Fluch zu begründen, sondern als Kuriosum am Rande.

Dabei ist sie mit minimaler Recherche leicht zu widerlegen. Viele Autoren weisen darauf hin, dass die Botschaft „Kein Papst“ bei den Arbeitern von Harland & Wolff gar nicht für Aufruhr gesorgt hätte – wie die meisten Nordiren waren auch fast alle Arbeiter der Werft Protestanten und hatten mit dem Papst nicht viel am Hut.

Aber noch wichtiger: Die Titanic trug keine Registrierungsnummer, und schon gar nicht die 3909 04. Zwei Nummern stehen mit der Titanic in Verbindung. Die eine war ihre Kennnummer beim Board of Trade, der Handelskammer. Diese lautete 131,428 und tauchte nur in den Unterlagen der Handelskammer auf. Die andere war die von der Werft zugeteilte Hüllennummer, die tatsächlich in zahlreiche Bauteile gestanzt war. Sie lautete 401.

Der Fluch der lästerlichen Registrierungsnummer ist also frei erfunden.   

 

  1. An Bord der Titanic befand sich eine verfluchte Mumie

Die sogenannte Mumie von Amen-Ra (tatsächlich keine Mumie, sondern ein kunstvoller Sarkophag-Deckel) hatte schon immer für Ärger gesorgt. Vier britische Akademiker hatten sie 1868 in Ägypten aufgelesen und nach England geschafft. Zwei von ihnen starben noch auf der Reise, ein dritter verlor nach einem Missgeschick mit einer Schusswaffe seinen Arm. Und der vierte im Bunde, nun alleiniger Besitzer der Mumie, ging pleite – zweimal! Ein Geschäftsmann kaufte ihm die „Mumie“ ab. Wenig später wurden seine Frau und seine beiden Kinder bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt und sein Haus brannte nieder. Daraufhin stiftete er die offenbar verfluchte Mumie dem Britischen Museum. Der Wagen, der das Objekt zum Museum brachte, verursachte auf dem Weg einen Unfall, bei dem ein Passant schwer verletzt wurde. Einer der beiden Arbeiter, die die Mumie ins Museum trugen, brach sich dabei das Bein, der andere starb zwei Tage später aus heiterem Himmel. In den nächsten Wochen häuften sich gruselige Vorfälle im Museum. Ein Nachtwächter starb aus ungeklärten Gründen bei der Arbeit. Schreie, Schluchzen und Klopfen waren aus der Vitrine mit der „Mumie“ zu hören. Ein Besucher, der sich über die Mumie lustig machte, verlor einige Tage später seinen kleinen Sohn an die Masern. Schließlich entschied man sich im Museum, das unheimliche Objekt aus dem Publikumsverkehr zu ziehen. Amen-Ras Mumie wurde in den Keller verlegt. Eine Woche später starb der zuständige Kurator unerwartet. Mittlerweile machte die Fluchgeschichte die Runde, und ein Journalist machte ein Foto von der Mumie. Er soll nach der Entwicklung darauf ein schreckliches Gesicht gesehen und sich daraufhin selbst erschossen haben. Das Museum verkaufte die Mumie an einen Sammler, der danach mit zahlreichen Unglücksschlägen und Todesfällen in der Familie zu kämpfen hatte. Er versuchte, die Mumie wieder loszuwerden, aber kein britisches Museum wollte sie. Schließlich kaufte ein amerikanischer Archäologe das verfluchte Objekt und wollte es mit sich in die USA nehmen. Er reiste mit dem sichersten Schiff seiner Zeit – der Titanic…

Auch diese Geschichte ist weit verbreitet. Aber klingt sie auch wahr? Eher nicht, oder?

Und auch hier hilft ein kleines bisschen Recherche: In der Frachtliste der Titanic, die noch heute eingesehen werden kann, findet sich keine Mumie (und auch kein Sarkophag-Deckel). Und der Sarkophag-Deckel, der als Amen-Ra oder „Die Unglücksmumie“ bekannt ist, befindet sich im Britischen Museum, wo er schon vor der unglücklichen Jungfernfahrt der Titanic aufbewahrt war. Übrigens nicht im Keller versteckt – wer die „Mumie von Amen-Ra“ sehen will, hat dazu jede Gelegenheit. Die „Mumie“ befand sich also nicht an Bord der Titanic, ging nicht mit dieser unter und hat den Untergang mit Sicherheit nicht verursacht.

Interessant ist aber, wie diese Geschichte zustande kommt. Es gibt nämlich doch einen Zusammenhang zwischen dem realen Sarkophag-Deckel im Britischen Museum, dem Fluch der Mumie und der Titanic: Ein damals sehr bekannter Journalist namens William T. Stead hatte um 1900 herum eine kleine Schauergeschichte über einen Mumien-Fluch geschrieben, die viele Elemente der heutigen Version enthält. Als Co-Autor wurde ein gewisser Douglas Murray genannt, über den heute fast nichts bekannt ist – in manchen Nacherzählungen der Legende ist er der Mann, der nach dem Kauf der Mumie seinen Arm verliert. Wenig später sah Stead im British Museum den Sarkophag-Deckel und erzählte, davon inspiriert, eine weitere Schauergeschichte – der gequälte Gesichtsausdruck der Figur auf dem Deckel beweise einen qualvollen Tod der ursprünglich im Sarkophag bestatteten Person, und der rachsüchtige Geist dieser Person sei nun frei. Die damaligen Sensationszeitungen sprachen nur zu gern mit Stead und fassten beide Geschichten zusammen – oft zumindest mit der Implikation, es handele sich um Tatsachen. Und wie kommt nun die Titanic ins Spiel? Nun, Stead wurde 1912 zu einer Konferenz in Amerika eingeladen. Er buchte eine Überfahrt – auf der Titanic! Überlebende berichteten später, Stead habe seine Mumiengeschichte auf eine Dinnerparty an Bord erzählt… und so vermischten sich die verschiedenen Elemente zum modernen Mythos von der verfluchten Mumie an Bord der Titanic. Stead konnte das nicht mehr richtigstellen – er überlebte das Unglück nicht.

In modernen Zeiten geht die Vermischung von Geschichten übrigens munter weiter: Nun liest man bisweilen, ein verfluchter Diamant hätte das Unglück ausgelöst – hier haben sich eine weitere berühmte Fluchgeschichte, die vom Hope-Diamanten, und der prominente Auftritt eines fiktiven Diamanten in James Camerons Film Titanic von 1998 in den Mythos von der verfluchten Mumie eingeschlichen.

 

FAZIT: Die Titanic war nicht verflucht – es gibt keine Flüche. Ihre Registrierungsnummer lautete nicht 3909 04, und es befand sich keine Mumie an Bord. Das sind nichts anderes als Schauergeschichten!

Quellen: Ocker, J.W.: Cursed Objects. Quirk Books 2020; Grimmler, Benedikt: Die 50 populärsten Titanic-Irrtümer. Bucher 2011; https://www.titanicswitch.com/titanicfacts.html; https://www.snopes.com/fact-check/pope-and-circumstance/; https://www.snopes.com/fact-check/mummy-titantic/; www.britishmuseum.org  

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