„Ihr Landratten glaubt meine Geschichten nicht? Dabei könnt ihr mir ruhig trauen, wenn es um das Meer geht! Schließlich habe ich in all meinen Jahren vor dem Mast alle sieben Weltmeere gesehen…“
In Piratenfilmen, in Seemannsmusik, in alten Romanen – immer wieder ist von den „Sieben Weltmeeren“ die Rede, meist im Zusammenhang mit jemandem, der „alle Sieben Weltmeere befahren“ hat. Aber ein Blick auf die Karte lässt ratlos zurück. Die Ozeane können nicht gemeint sein, denn davon gibt es ja nur drei. Regionen, die als Meere bezeichnet werden, gibt es dagegen wesentlich mehr als sieben. Was also ist gemeint, wenn von den „Sieben Weltmeeren“ gesprochen wird? Gibt es die überhaupt?
Die ersten Sieben Weltmeere
Tatsächlich ist der Begriff der Sieben Weltmeere uralt. Zum ersten Mal erwähnt wird er in einem Hymnus auf die Göttin Innana aus dem alten Sumer aus der Zeit um 2300 v.Chr. Welche Meere in diesem Fall gemeint waren, ist nicht klar. Vielleicht handelte es sich nicht einmal um das, was wir heute als „Meere“ bezeichnen – wenig später übernahmen die Perser den Begriff der sieben Weltmeere, bezeichneten damit aber sieben Strömungen des wichtigen persischen Flusses Amudarja.
Danach geisterte der Begriff durch den antiken Mittelmeerraum und bezeichnete immer andere Gebiete – mal Strömungen, mal Handelsrouten, mal Abschnitte des Mittelmeeres oder auch mythische Meere. Manchmal wurden auch weniger oder mehr als sieben „Meere“ aufgezählt und galten trotzdem als die „Sieben Weltmeere“.
Die Israeliten biblischer Zeiten betrachteten den See Genezareth, das Tote Meer, das Rote Meer, den Lake Hula, das aspamische Meer (ein heute unbekannter, möglicherweise mythischer See nördlich der Region Apamien in Syrien), den Lake Ram und das Mittelmeer als sieben Weltmeere. Auch den antiken Chinesen waren Sieben Weltmeere bekannt.
Prägend für die Idee der Sieben Weltmeere in der europäischen Kultur waren aber wie so oft die alten Griechen. Die sprachen von den Sieben Weltmeeren, wenn sie das schwarze Meer und sieben Bereiche des Mittelmeeres – das Ionische, das Ligurische, das Tyrrhenische, das Adriatische, das Ägäische und das Mittelländische Meer – meinten. So übernahmen es dann auch die alten Römer, die den Begriff allerdings manchmal auch nur auf die Lagunenlandschaft an der Po-Mündung in der Adria bezogen.
Warum gerade sieben?
Aber gibt es einen Grund, warum die Menschen in den alten Kulturen stets versuchten, bei ihrer Zählung der „Weltmeere“ gerade auf die Zahl 7 zu kommen?
In einigen antiken Kulturen hatte die 7 große Bedeutung als Glücks- oder Unglückszahl. Die 7 Verband die „irdische Zahl“ 4 (Vier Elemente, Vier Winde, Vier Himmelsrichtungen) und die „himmlische Zahl“ 3 (in vielen Religionen gibt es himmlische Triaden, etwa die Brüder Zeus, Poseidon und Hades in der griechischen Mythologie oder auch die Dreifaltigkeit im Christentum). Damit steht die Sieben für Ganzheit, Vollkommenheit. So wurden Listen in der Antike gerne mit sieben Bestandteilen geführt – populäre Beispiele wären natürlich die Sieben Weltwunder oder die Sieben Weisen Griechenlands; besonders bunt trieb man es mit dem Kult um die 7 aber in Mesopotamien: Dort kannte man sieben Planeten, sieben Weltteile, sieben Flüsse, sieben Metalle, sieben Winde. Kein Wunder, dass im mesopotamischen Sumer auch der Ursprung der Sieben Weltmeere liegt…
Im Christentum spielt die sieben keine so große Rolle, Spuren ihrer Bedeutung finden wir aber auch in unserer Kultur, vor allem in den Märchen. Dort leben die sieben Zwerge hinter sieben Bergen, sieben Brüder werden in sieben Raben verwandelt, man trägt Siebenmeilenstiefel und sieben Geißlein vom bösen Wolf gejagt.
Zu guter Letzt noch die Frage: Warum waren einige Kulturen so dreist, von Sieben Weltmeeren zu sprechen und dann mehr oder weniger als sieben Gewässer aufzuzählen? Nun, in manchen Kulturen galt die Sieben auch als Synonym für „Viel“, eine größere Menge ohne genaue Zahl. Möglicherweise, weil „Sieben Gegenstände“ für die meisten Menschen die größte Anzahl ist, die mit bloßem Auge erkannt werden kann, ohne nachzuzählen. Und so sprach man, wenn man elf wichtige Meere kannte, eben immer noch von den „Sieben Meeren“ – im Sinne von „All die vielen Meere“. Übrigens finden wir auch diese Bedeutung der Sieben noch hin und wieder in unserem Sprachgebrauch – vor allem, wenn wir unsere „Siebensachen“ packen.
Der Wandel der „Sieben Weltmeere“
Im Mittelalter setzte sich die von den alten Römern bekannte Vorstellung von Sieben Weltmeeren fort. Da sich Handel und Wandel in dieser Zeit aber auch vom Mittelmeer wegbewegten, änderte sich die Liste wieder. Eine typische Vorstellung der Sieben Weltmeere im Mittelalter enthielt die Nordsee, die Ostsee, den Atlantik, das Mittelmeer, das Schwarze Meer, das Rote Meer und das Arabische Meer. Im arabischen Raum sah das übrigens ganz anders aus, auch wenn man dort ebenfalls sieben Meere zählte – das Arabische Meer, den Persischen Golf, die Bucht von Bengalen, die Malakka-Straße, die Singapur-Straße, den Golf von Thailand und das Südchinesische Meer.
Dann begann mit Kolumbus das Zeitalter der Entdeckungen, und neue Gewässer wurden entdeckt. Bald sprach man zumindest in West- und Mitteleuropa von den Sieben Weltmeeren als Atlantik, Pazifik, Indischer Ozean, Arktischer Ozean, Mittelmeer, das Karibische Meer und der Golf von Mexiko.
Die Redewendung „Die Sieben Weltmeere befahren haben“ kommt aber aus einem noch anderen Zusammenhang. Zu Zeiten des Britischen Empire vom 17. bis zum 19. Jahrhundert war die Route von China nach England, die Teeclipper-Route, die längste Handelsroute der Welt. Sie durchquerte sieben „Meere“: Die Bandasee, das Sulawesimeer, die Floressee, die Javasee, das Südchinesische Meer, die Sulusee und die Timorsee. Wer diese Route erfolgreich befahren hatte, erzählte stolz, er sei über die „Seven Seas“ gesegelt; im Deutschen wurde daraus eben „Die Sieben Weltmeere befahren“.
Und heute?
In modernen Zeiten sind zahlreiche Regionen der Ozeane bekannt, die als Meere betrachtet werden – viel mehr, als der Laie annehmen würde. Die International Hydrographic Organisation benennt über 70 Weltmeere. Trotzdem sind Traditionen schwer abzuschütteln. Noch immer spricht man von Sieben Weltmeeren, und noch immer listen Menschen auf, welche sieben Meere das sein sollen.
1896 brachte Rudyard Kipling, berühmter Autor des Dschungelbuchs, einen Gedichtband namens Die Sieben Meere auf den Markt. Die Meere, die in diesem Band erwähnt werden, gelten allgemein bis heute als die Sieben Weltmeere. Es sind:
- Nordpolarmeer
- Südpolarmeer
- Nordatlantik
- Südatlantik
- Nordpazifik
- Südpazifik
- Indischer Ozean.
Fazit: Es gibt nicht die eine, endgültige Liste der Sieben Weltmeere. Der Begriff, auch wenn immer wieder auf konkrete Listen von sieben Meeren bezogen, hat eine ganz andere Bedeutung: Es geht um das Meer in seiner Gesamtheit, die weltumspannende See. Und so hat jede Kultur die Meere damit assoziiert, die ihre jeweilige Welt umspannten.
Quellen: Hamblyn, Richard: Das Meer. Knesebeck 2022; https://www.geo.de/natur/2430-rtkl-der-populaere-irrtum-sieben-weltmeere; https://www.swr3.de/aktuell/kurze-frage-kurze-antwort/warum-die-zahl-7-so-oft-im-maerchen-100.html; https://www.worldatlas.com/geography/the-seven-seas.html; https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben; https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Meere; https://en.wikipedia.org/wiki/Seven_Seas
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